Unterwegs in der Ukraine: Eine Hommage (Teil 3)

29 November, 2013 — Platschi

Im Herbst des Jahres 2009 überzogen die Klauen der im Volksmund als Schweinegrippe bekannten H1N1 Pandemie weite Teile der Erde. Vor allem hatte es - so propagierten uns einschlägige Medien - natürlich die Ukraine getroffen. Abgehalten von einer Reise in das Katastrophengebiet wurde man trotzdem nicht, und so machte ich mich zu eben jener Zeit abermals auf den Weg per Anhalter quer durch die Bundesrepublik Deutschland sowie das polnische Staatsgebiet in Richtung ukrainische Grenze. Abgesehen von den üblichen Regengüssen östlich von Wrocław (Breslau) verlief die Reise durch das Staatsgebiet der EU wie gewöhnlich relativ ereignislos.


(Musikalische Untermalung dieses mal von der Gruppe Юркеш mit dem Stück Патріот) [Achtung, Link geht zu Google/Youtube]: Video

Im Griff der Schweinegrippe

Westlich von L'viv (Lemberg) gibt es drei Grenzübergänge in die Ukraine, von denen jedoch nur einer (natürlich der am schwierigsten erreichbare) auch tatsächlich für Fußgänger geöffnet ist. Bekannt als Shegyni-Medyka nahe dem unmöglich auszusprechenden, schönen Städtchen Przemyśl. An einem kühlen, wolkenverhangenen Novembertag traf ich dort ein. Die üblichen Warteschlangen ukrainischer Großmütterchen, welche den ahnungslosen Fußgängern gemeinhin Zigaretten und Schnaps feilbieten, fehlten jedoch. So kam es, dass das Grenzgeplänkel mit den polnischen Beamten recht flott vonstatten ging. Alles ruhig, wie immer. Am ukrainischen Wartehäuschen angekommen, stemmte sich plötzlich von innen ein Grenzbeamter gegen die Tür. Diese öffnend kam er mir entgegen. Natürlich mit dem üblichen Teller auf dem Kopf, jedoch zusätzlich mit einem weißen, säuberlichen Mundschutz vor der Schnute. Da ist sie also, die unheimliche Schweinegrippe, denke ich mir, und trete ein.

Die Innenausstattung des ukrainischen Wartehäuschen - eigentlich eher ein vergessener, überflüssiger Kontainer - lässt im Vergleich zum neuen EU-Betonklotz gegenüber zu wünschen übrig. Die Wandverkleidung aus irgendeinem Holz und Laminat Gemisch; ein altes, klappriges Drehrad bäumt sich vor den Bäuchen der Reisenden auf und versperrt stur den Weg. Hinter einem vergilbtem Fensterrahmen, an das einige Zettelchen mit den Nummern der Beamten und Informationen auf ukrainisch und polnisch bezüglich der Einreisebestimmungen und Korruption geklebt sind, sitzt ein korpulenter Beamter - gleichfalls mit Teller auf dem Kopf und aufgesetztem Mundschutz. Mit einem kalten, eisernen Blick begutachter er meine diversen Visa im Pass. Als ich ihm beiläufig meine Herkunft aus Deutschland preisgebe (Osnabrück musste als grobe geographische Angabe herhalten), taut er mit einem mal freudig auf. Hinter seinem Mundschutz blasen sich grinsend seine üppigen Wangen auf, dann knallt er den Stempel auf die letzte Seite des Passes, nebst alten ukrainischen und moldawischen Prägungen, und heißt mich Willkommen in der Ukraine. Er teilt mir natürlich noch mit, dass irgendein naher oder ferner Verwandter sein Brot in Osnabrück verdient und mich daher ohne Belange einreisen lässt. Beim verlassen der Hütte schaut mich der immer noch recht entgeisterte, verstört wirkende erste Beamte an und murmelt etwas von Grippe und увага. Den Begriff erkannte ich schnell wieder, dieser steht des öfteren auf vergessenen polnischen Straßenschildern entlang des Weges. Ein wissendes Kopfnicken, und hinaus geht es in die große Freiheit.

Die ersten Meter im Dörfchen Shegyni sind für mich immer etwas ganz besonderes. Mit einem Male ändert sich das kulturelle Bild, prägen von nun an holperige Straßen, schleichende Dekadenz und die typischen Dorfhäuschen das Bild, welche im Staatsgebiet der ehemaligen Sowjetunion von Daugavpils bis Vladivostok, von Petrozavodsk bis Adler unisono zu bewundern sind. Meist umgeben von einem kleinen Vorgarten, grün und blau bemalten - oder wahlweise stilecht oxidierend gehaltenen - Holz- und Metallzäunen umringt von diversen Pflanzen; mal wild wuchernd, mal liebevoll gepflegt.

Von nun an betritt man die große Weite, das Land der unendlichen Möglichkeiten, das große ländliche Nichts der ehemaligen Sowjetunion - oder um es mit den Worten eines befreundeten Anhalters zu beschreiben - "den geilsten Freizeitpark der Welt". Bei all meinen Grenzübertritten in Medyka betrat ich diese Dorf mit einer Gänsehaut im Nacken und einem breiten Grinsen, einem Gefühl des Heimkommens, der Leutseligkeit und einem Hauch Wildnis. Es vermag schwer in Worte zu fassen sein, wie einen diese Region der Erde mit seinem seltsamen Alphabet, seiner oft abergläubischen Kultur und seinen Menschen so in seinen Bann ziehen kann. In unzähligen Fahrzeugen und mit den grundverschiedensten Menschen kommt man dabei als Anhalter in Kontakt; man erlebt den Alltag ungetrübt und in seinen zahlreichen, vielfältigen Facetten, ohne Augenwischerei. Langeweile kommt hier selten auf, denn nimmt man erst einmal Platz auf dem Beifahrersitz, kann man sich gewiss sein, dass die nächste packende Geschichte nicht weit ist. Das wahre Leben schreibt eben immer noch die besten Geschichten. Und davon scheint es in der Ukraine einen unerschöpflichen Ozean von zu geben.

Und so machte ich mich auf den Weg, vorbei an kleinen Tante-Emma-Läden, einer orthodoxen Kirche mit üppig vergoldeter Kuppel und verfallenen Gebäuden bis an das Ende des Dorfes, zu meiner dortigen Lieblingstrampstelle neben einer kleinen Schule. Freudig erwartet man nun die ersten Fahrzeuge, die hoffentlich die 70 km durch bis Lemberg fahren. Alte dröhnende Ladas, polnische Tankstellenpendler und überfüllte Minibusse ohne Abgasnachbehandlung. Endlich wieder Ukraine!

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