Unterwegs in der Ukraine: Eine Hommage (Teil 2)

14 November, 2013 — Platschi

Auf dem Weg von Deutschland in die Republik Moldau (und vice versa) kommt man in den Genuss, einen guten Teil der Strecke durch die Westukraine trampen zu dürfen. Auf einer dieser Touren war ich gerade auf dem Rückweg gen Deutschland, als ich in der Stadt Chortkiv gestrandet bin. Da das ukrainische Parlament gerade irgendwelche unpopulären Änderungen an den Renten vorgenommen hatte, kam es dort im Ortskern zu tumultartigen Szenen. Die Straßen vor einem wichtigem Gebäude waren mit alten Lada's verbarrikadiert, und eine größere Truppe Damen und Herren älteren Semesters äußerte lautstark ihre Unzufriedenheit.


(Musikalische Untermalung (Achtung, Link geht zu Google/Youtube): Михаил Шуфутинский - Еврейский портной | gehört unterwegs kurz vor der ukrainisch-moldawischen Grenze nahe Mamalyha).

Bereits zuvor war die Ausfallstraße eines Dorfes mit einem Bus blockiert worden, da dessen Fahrer wahrscheinlich ebenso seine Animositäten mitzuteilen versuchte. Einige Fahrer vor uns schlenderten von Fahrzeug zu Fahrzeug, ebenso ihren Groll äußernd über den die Straße blockierenden Bus. Meine Fahrerin machte mir schnell deutlich, dass sie einen Umweg kenne. Die Straße war an der linken Seite von einem Park blockiert, rechts standen diverse Reihenhäuser sowjetischen Baustiles. Statt zurück ging es links in den Park über einige breitere Wanderwege. Der Schotter knirsche unter den Reifen, während uns mehrere weitere Fahrzeuge wohlwissend mit dem Gedanken folgten, dass wir schon wüssten, wo wir hin müssten. Fehlanzeige. Nach einer Irrfahrt quer durch den Wald Park, vielen Gesprächen mit anderen Fahrern, durch Wiesen und Gebüsche, kamen wir irgendwann wieder an einer kleinen Straße an, diesmal jedoch wieder innerhalb der Stadt. Irgendjemand erbarmte sich dann und wies uns folgendlich den richtigen Weg auf die Straße hinter den Bus. Mir tat vor allem die Karrosserie Leid.

Chortkiv, ein kleines Nest mit einer günstigen Umgehungsstraße, welche ich jedoch leider verpennt hatte, steht auf mehreren kleinen Hügeln, welche es zu erklimmen galt auf dem Weg zurück zu einer passenden Trampstelle. Zwischendurch plätschert ein Bach an mir vorbei, es gab launische, demonstrierende Rentner auf dem Dorfplatz, ansonsten auch viel Leben auf der Straße. Ein ganz normaler Tag in der Ukraine also.

Willkommen in Krankenhaus von Zavods'ke

Die Umgehungsstraße traf ich an einer Kreuzung, neben welcher eine Tankstelle lag. Von der Gegenseite der Tankstelle aus versuchte ich mein Glück, ein Fahrzeug weiter hoch Richtung Ternopil zu erwischen. Nach kurzer Wartezeit wurde ich von einem Herren mit üppigem Schnauzbart eingeladen. Er versicherte mir, er würde heute noch nach Ternopil fahren, müsste aber noch kurz im nächsten Dorf seiner Arbeit nachgehen. Ok, klang erstmal gut. Wir fuhren nun die 4 km zum Dorf Zalishchyky. Dort gibt es ein Krankenhaus, zu welchem mein Fahrer einige Medikamente liefern musste. Wir gingen gemeinsam hinein und wurden von einer älteren Krankenschwester begrüßt. Nach kurzer Wartezeit - schwarzer Tee mit Zitrone wurde natürlich bereits serviert - begrüßte uns der Chefarzt der Klinik. Bevor wir weiterfahren, würde er uns gerne zu einem Mittagessen einladen. Gesagt getan, es ging in sein Büro, einem kargen Raum mit schmalem Holzschreibtisch, Aktenschrank und einem Esstisch mit vier Holzstühlen. Wir nahmen Platz, und alsbald brachte die Krankenschwester uns hausgemachten Salat, Fisch, Fleisch, die ganze Palette. Zu Ehren seiner beiden Gäste kramte der Herr Chefarzt eine gute Flasche Cognac aus seinem Aktenschrank und lud uns auf einige Runden seines guten Aperitifs. Der Fahrer...? Ach, lassen wir das. Es wurde viel gelacht und getrunken auf deutsch-ukrainische Brüderschaft, Völkerverständigung und den Frieden. Dies war einer jener intimen Momente, die jeder, der einmal per Anhalter durch die Weltgeschichte getingelt ist, mit Insbrunst in sich aufnimmt. Für einen Augenblick darf man eintauchen in den Alltag eines fremden Landes, darf sich mitziehen lassen vom Leben, genießt den Kontakt mit den Menschen. Man schöpft Hoffnung, auf dass die Gastfreundschaft unter uns alles Schlechte tilgt, dass es uns die Ängste nimmt, welche so oft (und nicht nur) mit dieser Art des Reisens verbunden sind. Was bleibt ist das Wissen, dass es dort draußen zwischen all dem scheinbarem Elend unserer Spezies doch noch viele gutmütige, freundliche, tolle Menschen gibt. Die Ukraine - ein Lehrstück in Sachen Gastfreundschaft.

Mit gefüllten Mägen und guter Laune ging es nach gut zwei Stunden weiter, und am Abend erreichten wir die Umgehungsstraße von Ternopil, an der wir uns verabschieden durften. Leider umgeht die Umgehungsstraße die Stadt nicht vollständig, sondern verläuft für eine Weile durch einen südlichen Stadtteil. Ein Graus für alle Anhalter, denn Ternopil ist sinnbildlich das Bad Oeynhausen der Ukraine. Egal ob bei eisiger Kälte oder brütender Sommerhitze, ein Fußmarsch rund um die Stadt bis hin zur Ausfallstraße gen L'viv war bisher fast immer unumgänglich.

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