Unterwegs in der Ukraine: Eine Hommage (Teil 1)

11 November, 2013 — Platschi

Tief im Osten des europäischen Kontinentes schlummert irgendwo eine Nation, dessen Reputation und Bekanntheitsgrad sich im westlichen Selbstverständnis auf einige wenige, eher unangenehme Vorurteile stützt. Mafiöse Zustände, Kommunisten, Tschernobyl, russische Gasleitungen, ein prügelnder Klitschko im Parlament, bald vielleicht sogar Präsident. Wenig fällt einem sonst ein zu einem Land, dass meiner Ansicht nach nicht bloß irgendein hipper Geheimtipp ist, sondern eine wahre Perle im großen kulturellem Schatze Europas darstellt. Trotz allmählicher Annäherung an das homogene Geplärre westlicher Werte und Normen hat es die Ukraine bisher geschafft, eine Kultur zu bewahren, die es zu schätzen und zu lieben Wert ist.


Schaut man einmal ab von den Touristenhochburgen auf der Krim, Odessa oder Kiev, in denen Kneipen und Diskotheken tagein- und tagaus selbige langweilige Popmusik herunterleiern, welche gleichsam am Strand auf Mallorca, im Lokalradio von Kattenvenne oder in der Dönerbude um die Ecke die sanften Ohren belästigt, in denen holländisches Exportbier und verseuchter Fraß vom goldenen M die hungrigen Mäuler stopft, ergibt sich ein Bild von Menschen, die es verstehen, dass Leben trotz erheblicher Schwierigkeiten zu genießen, dabei nebst anderen Dingen nicht ihre Herkunft und vor allem ihr Temperament vergessen. Lasst uns also eintauchen in dieses wundersame Land, und wie vermag das besser geschehen als per Anhalter. (Anm.: Lautstärke am besten voll aufdrehen, auf das Video klicken und weiterlesen!)

Das erste Mal in der Ukraine

Bei meinem ersten Besuch in diesem Land kam ich gerade von einer einmonatigen Rundreise durch die Russische Föderation. Mit dem Gedanken, nichts könne einen jetzt noch umhauen, starteten wir den Weg in die Ukraine mit einem 15 km Fußmarsch, da es ab der letzten Verkehrskreuzung bis hin zum Grenzübergang keine Menschenseele mehr gab, die uns hätte einsammeln wollen oder können. Ab Abend, kurz nachdem die Sonne vor uns im Westen unterging, erreichten wir die ersten Grenzposten. Doch erstaunlicherweise waren wir nicht die einzigen Anhalter vor Ort. Eine ukrainische Dame aus Kiev, um die 30, war gerade auf dem Weg per Anhalter zum Moskauer Theater, um dort einige Lichtbilder der Akteure zu schießen. Wahrscheinlich würde sie die Nacht am Grenzposten verbringen, ehe sie bei Tagesanbruch den restlichen Weg gen Moskau auf sich nahm. Die Eleganz des Nachttrampens war mir zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt. Die Grenzkontrollen ging rasch voran, und das erste, was wir von der Ukraine zu Gesicht bekamen, war Dunkelheit. Normalerweise erstrecken sich hinter Grenzanlagen oft kleine Geschäfte, Wechselstuben oder Tankstellen. Doch hier gab es nichts außer der Dunkelheit, welche nur von den steril wirkenden, heroischen Masten der Flutlichtanlage der russischen Grenzanlage sanft bestrahlt wurde.

Doch im Zwielicht des vergehenden Tages kam Leben in den Platz, der sich zu einer Straße in ferne Felder und Wälder wandelte. Um uns herum saßen ukrainische Großmütter, eine jede mit einer abgenutzten, aber sauberen Kühlbox und Thermoskannen mit kochend heißem Wasser ausgestattet. Ziel war es nun, die wenigen Fahrzeuge, die überhaupt des Nachts die Grenze überquerten, entgegen der Anstürme der Tee- und Plätzchenverkäuferinnen zu verteidigen und irgendwie auf sich als Anhalter aufmerksam zu machen. Irgendwann traf dann ein russisches Tramperpärchen dazu. Sie, mit zwei blonden, langen Zöpfen, hochschwanger, Kettenraucherin - Er, ebenso blonder Haarschopf sowie Ziegenbart, Polohemd, meckernd auf der Suche nach Wodka. Leider hatten die Damen an der Grenze keinen Schnaps zu verkaufen, und auch Geschäfte gab es keine. So mussten die beiden (vor allem er) mit deutlich schlechter Laune weiter auf einen Lift hoffen. Irgendwann kam dann doch noch ein Jeep vorbei, dessen Fahrer uns vier gemeinsam ungefähr 30 km weiter zu einem Hotel brachte. Die Empfangsdame dort war so herzlich, uns im Vorgarten auf dem Rasen zelten zu lassen, und brachte einem jeden von uns sogar noch einen stilechten weißen Plastikbecher mit schwarzem Tee, versüßt mit einem Stückchen Zitrone. Sobald das Zelt der beiden (ich hatte ja nur eine Hängematte dabei) aufgebaut war, begann es in Strömen zu Regnen. Schnell verschwanden wir vier in dem kleinen Unterschlupf, eng aneinandergeschmiegt. Bald schon durften wir dem monotonen Plätschern des nächtlichen Regens und einem Holzfällerkonzert Güteklasse A lauschen.

Am nächsten Morgen wurden wir vier von einem weiteren Jeep aufgesammelt. Die Rucksäcke, klamm und feucht wie sie waren, auf unsere Rücken geschnallt. Laut dem Fahrer würde die Straße unweit der Stadt Krolevets gerade für die Europameisterschaft umgebaut, und wäre angeblich nicht befahrbar. Na gut, dachten sich unsere zwei Wegabschnittsgefährten - Er immer noch sehr durstig - dann eben ab zum Bahnhof, angeblich fährt dort dann und wann ein Zug gen Kiew. Bevor es jedoch in das Dorf ging, lud uns unser Chauffeur noch auf ein Frühstück ein. Es war schließlich Zeit, morgens um 10 Uhr. Ehe wir uns umsehen konnten, saßen wir in einem kuscheligen Holzhaus. Die hübsche, aber grimmige Wirtin brachte uns alsbald Suppe, zwei Flaschen Wodka sowie ein aminosulfonsäurehaltiges Erfrischungsgedränk. Natürlich wurde eben jenes von unserem Gastgeber mit Wodka gemischt, er sei ja schließlich der Fahrer heute. Auf die Frage hin, wie es denn mit der StVO ausschaut, blickte er hinaus durch das Fenster zu seinem Wagen und murmelte etwas von Schmuggler, Polizei und Freunde. Alles klar, keine weiteren Fragen. Wir durften den Schnaps pur aus kleinen, transparenten 0.2l Plastikbechern hinunterkippen, natürlich mit einem Löffel Suppe nachfolgend. Доброе утро, Украина!

Irgendwann später im Dorf hat sich dann herausgestellt, dass der Zug überfüllt sei und uns nicht aufnehmen könne. Alles Zureden half nichts, die Schaffnerin winkte entnervt ab, und der Zug fuhr ohne uns ab. Maria und ich entschieden uns, dann doch wieder zurück zur Straße zu fahren und die angeblich geschlossene, in Bau befindliche M-02 bis Kiew zu trampen. Unsere Gefährten verblieben jedoch in der Wartehalle des Bahnhofes, in der Hoffnung auf dass ein neuer Zug irgendwann einhält. Gut beschwipst nahmen wir einen Minibus zurück zur Hauptverkehrsstraße. Wie sich später herausstellte, war diese offsichtlich doch nicht gesperrt. An der Straße angekommen hielt auch schon bald ein junger Russe, gerade auf dem Weg von Moskau zur ukrainischen Haupstadt, an. Was sich daraufhin abgespielt hat, vermag ich hier nun nicht ausführlich zu beschreiben. Nach schneller Fahrt kamen wir auf jeden Fall Stunden später heil in Kiew an. Was für ein Empfang in der Ukraine!

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