Unterwegs in den Karpaten

22 October, 2015 — Platschi
Endlich. Mein Körper pumpt schon seit den frühen Morgenstunden Adrenalin im Eiltempo durch meinen Körper. Endlich. Die Grenze. (April 2015)

Gegen 1 Uhr Nachts wirft mich mein netter Reisebegleiter, der gerade von Dänemark in die Slowakei fuhr und mich kurz hinter Berlin bereits aufgegabelt hatte, in Kaschau (Košice) hinaus. Ein ordentlicher Lift, könnte man sagen, der mich von meiner eigentlich Route über Przemysl abgebracht hat um mal einen neuen Weg nach Moldawien auszuprobieren. Der Verkehr am Ortsausgang kommt zu dieser Uhrzeit völlig zum erliegen. Zwar rauscht ab und an ein Taxi an mir vorbei, dessen Fahrer mich aber freundlichst ignorieren. Die Straßenbeleuchtung ist optimal, eine geschlossene Tankstelle zu meiner Seite, über deren Gelände so gegen 3 Uhr dicke Ratten huschen. Gemütliche Atmosphäre zum Trampen, was will man mehr. Lohnt sich dann auch nicht, irgendwo eine Runde zu schlafen. Ach, natürlich. Kein Zelt dabei, keinen Schlafsack, man ist ja auf Kurzstrecke in die Republik Moldau unterwegs. Kurz nach 6 Uhr, eine gute Stunde nachdem die ersten Linienbusse mich passieren, explodiert das Verkehrsaufkommen dann plötzlich. Bis kurz nach 10 Uhr schlängele ich mich von Dorf zu Dorf, bis ich in einem alten Sprinter sitze, der mich in das gelobte Land chauffiert: Ab nach Uzhgorod!


Die Grenze in Uzghorod ist vollkommen ausgestorben an diesem Tag. Wir sind das einzigste Fahrzeug. Mein Fahrer ist lokaler Ukrainer, entsprechend pflegeleicht sind die Beamten. Was das da in der Tasche wäre? Mate, eh..Chai! Keine weiteren Fragen.

Fünf Minuten später schmeißt mich mein Fahrer an einem Kreisverkehr raus. Ortsausgang. Danke! Was nun folgt, fühlt sich an wie die Liebe auf den ersten Blick. Alte Lada 2105 und 2107 passieren mich am laufenden Band. Die schlaflose Nacht ist vergessen, ich befinde mich im Paradies.

Ukraine

Am Kreisverkehr eine kleine Tankstelle mit Kabuff, drinnen eine mollige Dame mittleren Alters. Ich frage auf Russisch, ob es Wasser gibt, ob ich mit Euro zahlen könne - Njet, njet. Oh, da ist aber jemand sehr schlecht gelaunt. Nach einer kleinen Diskussion aber doch kein Thema. Hach, wenn das Leben nur immer so einfach wäre!

Kaum einen Schluck Wasser getrunken, bin ich wieder unterwegs in einem Sprinter. Vor lauter Euphorie bemerke ich gar nicht, dass ich in eine Marshrutka einsteige. Ach wie blöd! Dann eben auf töricht stellen, mehrmals blöd nach der Route gefragt, das Wort avtostop deutlichst hervorgehoben und dann ist wieder alles in Ordnung. Alle so fein angezogen heute. Und so gut gelaunt. Nur ich werde seltsam begutachtet. Vielleicht weil ich gerade 24 Stunden Straße auf dem Buckel habe und eine seltsame, gelbe Uniform trage? Irgendetwas ist hier faul. Ein paar wenige hundert Kilometer östlich im selben Land herrscht gerade ein schrecklicher Bürgerkrieg. Brüder kämpfen dort gegen Brüder. Grauenhaft und sinnfrei, zutiefst traurig für ein Land, das solch wunderbare Menschen beherbergt. Niemand will diesen Krieg, niemand hat danach gefragt. Da ist er trotzdem.

Leicht erzürnte Blicke Ernte ich in der nächsten Ortschaft, während ich nach dem Weg Frage. Nunja, auf Russisch fragend, seltsamer Akzent. Ukrainischkenntnisse meinerseits leider nicht vorhanden, und normalerweise versteht auch jeder die Sprache des östlichen Nachbarn. Bei meinen vorherigen Besuchen war das nie ein Problem. Dieses Jahr jedoch wird mir auschließlich auf Ukrainisch geantwortet, und nur nach Beteuerungen, ich sei aus Deutschland, kippt die Stimmung nicht weiter.

Vermehrt fallen mir nun die vielen Zäune und Geländer auf, die entweder blau-gelb gestrichen sind oder die Nationalflagge zieren. Hier und dort eine Sandsackbarriere mehr. War das vor ein paar Jahren auch schon da?

Einige kurze Fahrten - vor allem mit Ladas 2105/2107, dem Auto meiner Träume - später befinde ich mich in einem kleinen Kaff irgendwo tief in den Karpaten. Strahlend blauer Himmel, der Frühling erstrahlt in seiner vollen Pracht. Und auch hier immer noch alle Leute so fein angezogen. Ist heute Sonntag? Ne, Montag. Komisch. Ich komme an einem Haus vorbei, vor dem mehrere Frauen mit ihren Kindern sitzen und den neuesten Dorftratsch austauschen. Lächelnde Gesichter strahlen mir entgegen, freundliche Zdrastvutje's hier und dort. Plötzlich rennt ein kleines Mädchen wie wild hinter mir her und drückt mir eine eisgekühlte Flasche Wasser in die Hand. Wow. Spasibo! Ich winke dankend der Babuschka zu, welche in sicherer Entfernung halb verdeckt hinter ihrem Gartenzaun steht, und gehe weiter meines Weges.

Ukraine

Die Karpaten ziehen gemütlich an mir vorbei, es geht bergauf und bergab. Die Straßenverhältnisse werden zunehmend schlechter, die Stimmung der Fahrer jedoch besser. Ich fühle mich pudelwohl. In irgendeiner Stadt klärt mich dann endlich ein freundlicher Fahrer darüber auf, dass heute (orthodoxer) Ostermontag sei und lädt mich promt zum Osteressen ein, während ich gerade am Ortsausgang aussteigen möchte.

Ja gut, wenn es denn sein muss, und so sitze ich wenige Minuten später mit seiner Familie - alle in bester Sonntagskleidung - am proppevoll gedeckten Tisch. Während die Chefin des Hauses mir ungefragt die Teller bis zum Bersten auffüllt mit traditionellem Salat, Hühnchen, Ei und anderen Köstlichkeiten, füllen mein Fahrer und sein als Onkel vorgestellter Trinkgenosse zum wiederholten Male die drei Gläschen Wodka auf dem Tisch auf, und wir trinken unter anderem auf den Weltfrieden, unsere Vorfahren, Völkerverständigung und Verbrüderung. Und natürlich auf die ehrenwerte Köchin des Tages.

Geschlagene zwei Stunden später stehe ich wieder an der Straße, stark angeschlagen und beschwipst, werde jedoch innerhalb von Sekunden zusammen mit einer weiteren örtlichen Dame, die ebenfalls in Richtung des nächsten Dorfes trampt, vom nächsten Fahrzeug mitgenommen. Was für ein Empfang in diesem Land.

Das, meine werten Leser, ist die Ukraine.

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