Per Anhalter von Lettgallen nach Moskau (des Nachts)

17 December, 2010 — Platschi

Zugegeben, nach drei gescheiterten Versuchen, an der lettisch-russischen Grenze des Nachts kurz nach Mitternacht per Anhalter gen Moskau bzw. Riga weiterzukommen, sollte man eigentlich zur Vernunft gekommen sein und es dann vielleicht doch lassen.


Nichtsdestotrotz, es war diesmal nicht ganz so kalt wie im vergangenen Dezember, und ich begab mich nach kurzem Geplänkel an einer lettischen Schule auf den Weg hinaus aus Rēzekne . Dichter Nebel umhüllte das Land um Lettgallen, und die Abenddämmerung trat bereits seinen unausweichlichen Siegeszug für die kommende Nacht an.

Für Tramper an sich nichts schlimmes, solange man sich genüsslich an den Rasthöfen westeuropäischer Autobahnen aufhält, die voll beleuchtet und 24 Stunden am Tag geöffnet haben. Aber auf einer Strecke von ca. 700 km, an der sich gerade einmal zwei größeren Ortschaften ansiedeln - sieht man von den Moskauer Vororten ab - doch ein gewagtes Unterfangen. Dazwischen erstrecken sich schier endlos erscheinende Waldstücke und matschige Straßen, und zufällig hatte der Autor auch noch sämtliches Nachtequipment daheim vergessen. Einzig Patryk seine alte Warnweste durfte mir ihren Dienst erweisen.

Also, zurück nach Lettgallen. Im dichten Nebel der Ausfallstraße zu Rēzekne, bei leichtem Nieselregen und der eintretenden Dämmerung brauchte es etwa fünf Minuten, bis ein alter Audi 80 stoppte. Ein üppiger Russe nimmt mich mit nach Ludza, dem nächstbesten Kaff. Ich bekomme einzig in Erfahrung das er irgendwann einmal in Moskau studiert habe. Wenig später, am Ende von Ludza, scheiden sich unsere Wege. Er wünscht mir Glück - es ist bereits stockduster - und ich begebe mich auf die Suche nach einer einigermaßen trockenen Stelle, bei der einem vorbeifahrende Vehikel nicht vollkommen bespritzen mit Schlamm, Moder oder Regenwasser. Die bereits vorher genannte Warnweste kam nun endlich auch zum Zuge. In beständiger Entfernung spendete eine kleine Tankstelle zumindest etwas Licht. Unfassbar dann, oder - Willkommen im Baltikum! - der zweite Lastkraftwagen hält tatsächlich, trotz widriger Bedingungen und meiner beinahen Unsichtbarkeit. Ziel, natürlich: Die Grenze.

Die alte Maschine ist von innen vollkommen verdreckt, es riecht seltsam, aber ich mache mir nichts daraus, versuche herauszubekommen wohin er fährt - Moskau - mein Herz schlägt Achterbahnen, nur um dann wieder auf dem Boden der Tatsachen zu Landen, indem er mir mit nuschelndem Russisch erklärt, er müsse mindestens 24 Stunden an der Grenze warten, um überhaupt rüber zu kommen. Na denn, Prost Mahlzeit.

Nach fünf Stunden Wartezeit im Trucker Café auf lettischer Seite - immerhin gratis WiFi, wo gibt's das an deutschen Raststätten?! - trotte ich gen Russland. Das Visum war pünktlich um Mitternacht gültig, und der junge russische Beamte am ersten Posten hält sich auch mit übereifriger Genauigkeit daran, indem er mithilfe seiner Finger mir minütlich durch das Fenster seines Kabuffs mit einem sarkastischem Grinsen die verbleibende Zeit diktiert. So können 35 Minuten Wartezeit bei Nieselregel im vielleicht 10 Quadratmeter großem Niemandsland doch recht langwierig werden. Am Ende wollte er nicht einmal meinen Pass sehen, sondern winkt mich direkt durch. Passkontrolle bekanntermaßen ja erst beim zweiten, dritten und je nach Laune vierten Beamten.

Zwanzig Minuten später stehe ich also endlich in Russland, keine fünf Meter vom letzten Grenzposten entfernt. Dort muss jedes Vehikel anhalten, jeder Fahrer aussteigen & zum Kabuff laufen um irgendeinen Zettel abzugeben. Meine Chance also, mich bei potentiellen Fahrern bemerkbar zu machen. Zwei Straßenlaternen spenden Licht, optimale Voraussetzungen also. Die letzten Male dauert es gerade mal knappe 8 bis 9 Stunden, bis dann endlich mal jemand weiter fuhr als zu einer der drei Tankstellen, die einen Kilometer weiter vor sich hinvegetieren. Lastkraftwagen kann man zu dieser Zeit eh vergessen, fast jeder Fahrer geht natürlich - logisch?! - des Nachts schlafen.....

Trotz des dichten Nebels ist es seltsamerweise nicht eisig kalt, sondern für hiesige Verhältnisse angenehm warm. Ebenso gibt es heute zumindest ein wenig Verkehr, und zu meiner Überraschung halten die ersten beiden Wagen an. Natürlich nur zur nächsten Tankstelle, um dann wieder zurück nach Lettland zu fahren. Vielen Dank; es fängt immerhin sehr gut an, aber innerlich stelle ich mich schon darauf ein, in vielleicht zwei – oder drei Stunden, abhängig von meiner derzeitigen Ausdauer – es mir im Restaurant gemütlich zu machen. 610 Kilometer bis Moskau, kurz vor eins. Normalerweise würde ein Fahrzeug reichen, und man wäre im Morgengrauen angekommen. Aber das ganze ist ja kein Wunschkonzert hier.

Um kurz nach eins dann ein litauisches Fahrzeug, das für mich anhält. Völlig verdutzt knallt er mir auf mein flehentliches wi' Moskwu? eiskalt den Namen der nächsten größeren Stadt an den Kopf: Veliki Luki. Jetzt muss alles ganz schnell gehen. Damit habe ich eigentlich nicht gerechnet, aber immerhin wären es 200 Kilometer weiter. Ich erinnere mich vage daran, dass es beim letzten mal an der Kreuzung gen Veliki Luki keine Tankstelle gab, aber mein Gedächtnis spielt in diesem Moment in einem anderen Universum Ping-Pong und weiß auch mal wieder nicht weiter. Im Normalfall wäre mir das Risiko zu hoch gewesen, nachts um 3 Uhr im stockdustern an einer russischen „Autobahn“ zu stehen, die nächste Tankstelle oder Siedlung womöglich meilenweit entfernt. Aber ehrlich gesagt denkt ein übermüdetes Gehirn bei einer gedankenschnellen Entscheidung nicht direkt an alle möglichen Wahrscheinlichkeiten, und so denke ich mir „passt schon“ und steige ein.

Mein Chauffeur fährt selbst gern quer durch Europa um irgendwelche Maschinen zu reparieren, was dann scheinbar auch sein Job in Veliki Luki gewesen sein mag. Er versichert mir mehrmals, dass wir bis Veliki Luki auf jeden Fall einen Truck erwischen der mich bis nach Moskau mitnimmt. Vierzig Kilometer hinter der Grenze vereint sich die M9 Autobahn mit der Straße aus Pskov kommend, und so erhofften wir uns immerhin etwas Verkehr. Mit 120 geht es entlang der Straße, dessen Zustand – nun ja...

Insgesamt treffen wir während der anderthalb Stunden Fahrt auf exakt zwei Lastkraftwagen, die wir ganze zwei mal überholen, um an der nächstbesten Tankstelle anzuhalten, wie wild zu winken, nur um dann entmutigt wieder ins Auto zu steigen. Die haben wahrscheinlich noch mehr Angst vor uns als ich vor dem herannahenden Szenario einer stockdusteren Kreuzung an der Ausfallstraße nach Veliki Luki. Diese Angst hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet, und so stehe ich im Endeffekt ungefähr zehn Kilometer vor der Stadt an einer gut beleuchteten Tankstelle. Gut beleuchtet in dem Sinne, dass es vier Laternen am zum Parkplatz umfunktionierten Straßenrand gibt, von denen die zwei mittleren ständig ihren Geist aufgeben, um dann eine halbe Ewigkeit später wieder für kurze Augenblicke anzuspringen. In der Stunde, die ich dort verbringe, fahren dann doch vielleicht ein Dutzend Vehikel an mir vorbei, und natürlich gehen die Laternen immer genau dann aus, wenn sich gerade ein Fahrzeug nähert. Straßenterror pur.

Nichtsdestotrotz, irgendwann hält plötzlich ein dicker, alter Mercedes-Benz vor meiner Nase. Der Fahrer röchelt mir auf Englisch ein „yes, Moscow“ entgegen, und ich springe freudestrahlend ins Auto, wohl bedacht die teure Ledergarnitur nicht mit meinem matschigen Rucksack zu versauen. Mein neuer Fahrer – so stellt sich heraus – kommt gerade aus Warschau und ist auf dem Weg nach Tschetschenien. Oh man, was ein Lift! Leider ist er nicht ganz so gesprächig, und macht mir eigentlich nur verständlich, dass er seit 2 Tagen nicht geschlafen habe und den Weg nach Voronech suche. Zu diesem Zeitpunkt zweifele ich absolut an meinen geografischen Kenntnissen der hiesigen Region. Warum bitte fährt der Herr von Warschau nach Tschetschenien bzw. erst Voronesch über das Baltikum und Moskau? Die direkte Route über die Ukraine wäre doch um mehrere hundert Kilometer kürzer? Natürlich verkneife ich mir die Frage und verfolge spannend seinen Fahrstil, der sich damit beschreiben lässt, dass er nachts um drei mit 40 bis 60 km/h auf der russischen Autobahn dahinfährt und bei jedem Schild, dass er am Straßenrand sieht, abbremst und mich fragt, ob ich darauf den Weg nach Voronech lesen kann. Mir wird das ganze schnell zuviel, also versuche ich einfach die Augen zu schließen und bis Moskau durchzuschlafen. Vielleicht anderthalb Stunden - oder maximal 100 km - später möchte er dann plötzlich - oho! - schlafen gehen und hält an einer kleinen Tankstelle an, um mich heraus zu schmeißen. Leider befindet sich die Tankstelle auf der linken Seite, und meine rechte Fahrbahn kommt ohne jegliche Beleuchtung daher. So gut es möglich ist versuche ich mich sichtbar auf die linke Seite der Straße zu stellen in der Hoffnung, dass vielleicht doch ein Auto kommt. Nach irgendeiner Zeit, keine Ahnung wie lange es dauert, bewegt sich auch etwas.

Ein Passat kommt von entgegenkommender Richtung, um irgendetwas an der Tankstelle zu bewerkstelligen. Der Fahrer wendet und hält bei mir an. Das Beifahrerfenster dreht sich herunter, heraus schreit ein schmaler, kleiner angetrunkener junger Russe mir entgegen, wohin ich denn wohl wolle. Ich versuche über ihn hinüber seinem hoffentlich nüchternem Fahrer, einer korpulenten Persönlichkeit mit typischer Schapka auf dem Kopf, zu erklären ob sie vielleicht bis zur nächsten gut beleuchteten Tankstelle fahren. Das ganze geht leider völlig in die Hose, und endet damit das der betrunkene völlig entnervt aussteigt, mir die Hintertür öffnet und mich freundlich ins Auto drängt. Mein Verstand würde jetzt....ach, der war ja woanders.

Im Endeffekt war der Fahrer dann doch recht cool, und die beiden haben des Nachts wahrscheinlich arge langeweile (es ist mittlerweile kurz vor 5), so dass sie mich ein ganzes Stück vorran bringen bis zu einem Abschnitt, an dem es links und rechts Tankstellen gibt und alles mit üppig vielen Laternen beleuchtet ist. Unterwegs wird mir mehrmals eindringlich empfohlen, deren Vodka zu probieren, doch immerhin hier darf ich standhaft bleiben und verweigern. Beim Aussteigen kramt der betrunkene Kerl dann eine Flasche Vodka aus dem Kofferraum und erklärt mir auf Russisch irgendwas mit Füßen und Vodka (er zeigt mir seinen Händen wie man sich die Füße wäscht), und drückt mir die Flasche in die Hand. Ich stehe vollkommen perplex dar und denke, er meine ich solle die Flasche in meinen übergroßen Thermostiefel stecken, was ich dann auch prompt tue. Schließlich war er doch betrunken, oder? Diese Aktion hat dann noch fünf Minuten Diskussion hinter sich hergezogen, da er wohl dachte ich hätte sein "Füße mit Vodka einreiben" nicht verstanden, er kramt dann noch eine Flasche Sekt aus, die er mir auch noch andrehen möchte, was ich aber dankend ablehne und verabschiede mich dann völlig verwirrt von den beiden. Jaja, keine fünf Stunden in der Russischen Förderation und schon die erste Pulle Schnaps geschenkt bekommen. So läuft das hier...

An besagter toller, beleuchteter Tankstelle gibt es dann endlich auch den ersten Morgenverkehr, und irgendwann gegen sechs Uhr hält tatsächlich ein just gestarteter Lastkraftwagen an, der nach Moskau fährt! Juhu! Der Fahrer möchte sich scheinbar absolut nicht mit mir unterhalten, deswegen nicke ich dankend ein und erwache um 10 Uhr morgens auf dem MKAD, dem Moskauer Ring, auf dem er mich dann rausschmeißt. Kurzes laufen über einige Auffahrten, ein PKW der mich dann noch bis zur Metro mitnimmt, und ich befinde mich wieder in der Zivilisation, in der Hektik, dem Gewirr voll Menschen, im Molloch von Moskau.

Nachtrag: Die Flasche Vodka wollten die beiden mir höchstwahrscheinlich mit der Absicht schenken, dass ich wohl noch ewige Stunden auf einen Lift warten müsste, und bevor mir die Füße erfrieren, wollten sie mir den Tipp geben dass ich eben diese mit Vodka einreiben solle, um sie warm zu halten. Soviel zur Allzweckwaffe Vodka.

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