Per Anhalter in Spanien

31 August, 2010 — Platschi

Unter Spanien stelle ich mir riesige Kolonnen holländischer Touristen vor, die Jahr für Jahr von Juni bis September die Autobahnen gen Süden vollstopfen. Spanien; das ist...verdammt heiss. Wüstenähnliche Landschaften, sonst nicht viel. Trocken eben. Und ein paar Fußballverrückte vielleicht.


Asturien

Als uns unser russischer Fahrer von Perpignan (Frankreich) gen Valldoreix (Spanien) fährt, werde ich eines besseren belehrt. Sattes grün wohin das Auge blickt, wunderschöne Berglandschaften. Und das soll Barcelona sein? Glücklicherweise befinden wir uns gute 25 Minuten per Zug von der katalanischen Metropole enfernt, was bei Ankunft auch gleich bemerkbar wird. Es ist Siesta, jene spanische Gewohnheit zu Mittag alles öffentliche Leben still zu legen und bis zum späten Nachmittag durchzuschlafen. Bei glühender Hitze laufen wir die zwei Kilometer bis zu Lena's Haus, ohne auch nur irgendeiner Seele zu begegnen. Einzig die Köter kläffen unaufhörlich uns vorbeigehend an. Am Haus werden wir herzlichst empfangen, und wir fühlen uns superwohl. Ein großes Grundstück, eigener Garten, dickes Haus. Viel Arbeit steckt noch drin, aber schon nicht schlecht das ganze. Ganze drei Tage machen wir es uns hier gemütlich.

In dieser Zeit erproben wir das Trampen innerorts, was wunderbar klappt. Zumeist hält der erste oder zweite PKW, von fünf Fahrten stoppen drei Frauen. Gute Quote, wir sind zufrieden. Immerhin die zwei Kilometer Fußmarsch vom S-Bahnhof und zurück gespart. Oder eben zum nächsten Geschäft. Vonwegen, Spanien sei ein schlechtes Land zum trampen. Mit langweiligen, stinkenden Raststätten geben wir uns dann auch gar nicht erst ab. Auf dem Weg durch Frankreich kotzten sie uns schon regelrecht an, die Touristenkolonnen holländischer und belgischer Urlauber, vollbepackt mit Rotzplagen und dummen Muttis, die einen anschauten als ob man gerade vom Маrs gelandet wäre. Fahrt ihr men' in eure stinkigen Hotelblöcke und gart euch am vollbepackten Strand, uns solls' recht sein. Wir begeben uns lieber ins Inland, auf nach Pamplona. Dort sind die Kolonnen zwei Wochen zuvor durchgezogen, um dem Schaulaufen vom San Fermines Festival beizuwohnen. Hunderte Menschen rennen durch die Gassen, verfolgt von einer wilden Horde Stiere. Klingt ganz lustig, ist es scheinbar auch, nur dumm das die Abenteuerlustigen vor lauter Läufern die Stiere nichtmal mehr erblicken. "Zuviele neureiche Amerikaner eben, die mal eben für das Spektakel rüberfliegen", erklärt man uns.

Das Trampen nach Pamplona ereignet sich als äußerst angenehm, es geht wunderbar voran. Ein ulkiges Pärchen, ein Vater mit seinem Sohn, Genossen die Opfer der Diktatur Francos aufspüren und identifizieren, zu guter letzt ein netter Baske auf dem Weg nach Vitoria-Gasteiz, der es für keinen Umweg hält von Zaragoza aus über Pamplona zu fahren, so dass wir am frühen Nachmittag bereits dort eintreffen. Pepe, unser Gastgeber, ist nen lustiger Geselle mit seltsam geformten Stühlen auf dem Rücken, die er sich im Suff in den Staaten hat stechen lassen. Wir fahren nach Tudela, wo gerade zufällig irgendein Festival zugange ist, bei dem statt Stieren Kühe durch die Straße gejagt werden und tollkühne Spanier sich waghalsig diesen in den Weg stellen. Pepe erklärt uns, das Kühe gefährlicher seien als Stiere, da diese etwas cleverer sind und nicht bloss stumpf geradeaus rennen, sondern auch mal ausweichen oder sich dir in den Weg stellen. Interessant das ganze.

Asturien

Am Tag darauf trampen wir frohen Mutes gen Galizien, was mit kurzen Lifts Richtung Westen – Vitoria-Gasteiz - beginnt, bevor wir wieder gen Nordosten an San Sebastian vorbei nach Irun trampen, da dort eine große Raststätte sein soll die gute Chancen bietet. Kurioser Umweg, aber das Baskenland belohnt uns mit wunderschönen Aussichten. Und in der Tat, nach kurzen Minuten des holländischen Grauens an der Raststätte stoppt ein Minibus mit moldawischem Kennzeichen. Vier kugelrunde Moldowaren, schon sehr stark angeheitert bieten uns einen Lift bis Santander an. Läuft!

Unterwegs dürfen wir vom üppig vorhandenen moldawischen Wein und Schnaps probieren, selbstverständlich hausgemacht und ohne Chemie. Stullen, Fleisch und Gurke gibts obendrein dazu. Eine lustige Fahrt, Maria unterhält die Jungs, und am frühen Nachmittag erreichen wir Santander. Dieses Touristenloch schaut ganz nett aus, und ehe wir uns versehen haben wir unser Zelt auf irgendeinem Hügel hoch über der Stadt aufgebaut, einen Steilhang hinunter zum Meer vor unseren Füßen. So lässt' sichs Leben.

Am nächsten Morgen brechen wir wieder auf gen Westen. Dieses mal dann bitte Galizien. Ein Pärchen bringt uns zwei Kilometer raus aus der Stadt, ehe ein Brite zum nächsten Strand düsen will. Wir trampen über zwei Auffahrten hinaus ca. 30 km, bis wir an einer verlassenen Auffahrt im nirgendwo stehen. Gelassen wie man ist stört uns das recht wenig, und nach vielleicht zwanzig Minuten hält dann auch Pepe aus Asturien. Er ist selbst getrampt, damals entlang der US-Westküste, kommt gerade aus Miami und hat seinen Job gekündigt. Wir werden eingeladen und befinden uns einige Stunden - nach einigen Bierchen und verköstigt mit Tintenfisch - später in seiner üppigen Villa wieder, wunderschön gelegen in den asturischen Bergen, mit Blick aufs Meer. Was bitte schön will man mehr?

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