Per Anhalter durch Uruguays Pampa

18 March, 2014 — Platschi

Die Welt, welche unsere Vorfahren in den vergangenen Jahrhunderten aufgebaut haben, und in der wir heute leben, könnte man mit wenigen Worten für jeden erkennbar wiedergeben: hektisch, stressig, laut. In den Niederlanden wird mitunter gerne auch der politisch nicht ganz korrekte Begriff "voll" hinzugezogen. Immer gibt es irgendetwas zu tun, Zeit zum innehalten hat man höchstens in den Sekunden vor dem Schlaf. Wenn überhaupt. Die Devise Schlafen kann man, wenn man tot ist ist bezeichnend für unser derzeitiges Treiben auf der Erde. In Uruguay scheint diese Devise jedoch unbekannt zu sein.


Der Alltag im Inland Uruguays ist ganz und gar nicht mit der vorhergegangenen Beschreibung unserer Wahrnehmung der Welt vereinbar. Einem Westeuropäer mag das Treiben im interior - so wird im Volksmund das Inland genannt, auch bekannt als Hinterhof Montevideos - schnell als faul, langweilig und ereignisarm erscheinen. Diejenigen Besucher, die sich in dieses Land verirren, bleiben sowieso meist an den üblichen, von Reisemagazinen oder anderen Abzockern propagierten Orten unter sich: Montevideo, Punta del Este, für die Hippies vielleicht noch Cabo Polonio. Was hat Uruguay sonst noch zu bieten? Meist erntet man auf diese Frage nur einen erstaunten, fragenden Gesichtsausdruck, geschmückt mit einem gleichgültigen Achselzucken, bevor erwähnt wird, dass man auf dem Weg nach Colonia ist, um die Fähre nach Buenos Aires zu erwischen. Ansonsten eher Flaute, oder: "Nichts außer unendlich vielen Kühen". Umso besser, so bleibt mehr Zeit für uns, einen mehr oder weniger ungeschönten Einblick in das Leben der Menschen zu gewinnen.

Uruguay

Kurz hinter Maldonado, einen Kilometer vor der Ruta 9, liegt San Carlos, ein verschlafenes Nest, dessen Marktplatz die goldene Statue irgendeines Eroberers säumt, unter der Jung und Alt tagein und tagaus am Mate schlürft. Tagsüber dösen die Hunde auf den Bürgersteigen, während Nachts die ortsansäßige Jugend Wettrennen mit ihren Mopeds veranstaltet. An der Kreuzung mit der Ruta 9 - bekannt als Interbalnearia, welche die Küste Uruguays mit der Hauptstadt verbindet - schlängelt sich halb versteckt und schüchtern die Ruta 39 zwischen einem kleinen Umspannwerk und der Halle einer internationalen Traktormarke gen Norden. Wir merken schnell, dass der Verkehr - nicht nur sprichwörtlich - einen weiten Bogen um die 39 macht, meist dann, wenn von San Carlos kommend der Weg gen Montevideo eingeschlagen wird. Brücken oder Unterführungen gibt es im Hinterland nicht, und Verkehrsstraßen werden hier für gewöhnlich erst einmal gekreuzt, um dann einem kleinen Bogen folgend an einem Vorfahrtsschild die ~~Autobahn~~ Landstraße folgerichtig von rechts nach links fahrend zu betreten. Direkt die Straße links abzubiegen ist möglich, aber verboten. Verwirrend? Ja. Gefährlich? Durchaus. Mir ist in Europa bisher noch kein derartiges System bewusst untergekommen, schließlich gibt es dafür eine einfache Lösung, die sich Auffahrt nennt. Den Grund für diese kostengünstigere Variante bemerkt man jedoch schnell, sobald man sich ein paar Kilometer weiter ins Land verzieht. Und dieser ist ganz einfach: Es ist sowieso kein Verkehr vorhanden, der sich gegenseitig behindern könnte.

In Richtung Aiguá schleppen wir uns also gemächlich hügelaufwärts. Irgendwann düst dann doch ein Pickup an uns vorbei, auf dessen süffige Ladefläche wir uns nonchalant werfen dürfen. Die Scharniere der Ladeklappe rasselte unablässig, während unsere Haare vom Fahrtwind durchwühlt werden und wir händeringend nach Windschatten auf der Ladefläche suchen, sowie einer Sitzgelegenheit, welche uns nicht den Hintern wundscheuert. Sobald wir irgendwie einigermaßen gemütlich sitzen und einen Moment Zeit haben, die hügeligen Ausläufer des Cuchilla Grande (dt. großes Messer) um uns herum zu bewundern, erreichen wir auch schon Aiguá.

Uruguay

Aiguá ist die letzte Bastion des Departamento Maldonado, bevor es zur Ruta 8 und damit hinauf in das Departamento Lavalleja geht. Bevor jedoch diese wichtige Verkehrsader erreicht werden kann, müssen wir noch gute zwei Kilometer entlang der Ruta 13 hinter uns legen, bis eine kleine Abkürzung (Ruta 39) den Asphalt mit dem Weg gen Treinta y Tres (ja, der Ort heißt wirklich Dreiundreißig) verbindet. Unser Fahrer schmeisst uns an der Kreuzung der Rutas 39 und 13 von seiner Ladefläche.

Der Schnittpunkt dieser sich kreuzenden Verkehrswege beherbergt ein gepflegtes Holzhaus, bestehend aus einer Art Essgelegenheit verbunden mit einem Informationszentrum für Touristen. Die Essgelegenheit hat natürlich zur besten Mittagszeit geschlossen. Die Dame hinter dem Schreibtisch im Informationszentrum freut sich jedoch überaus uns zu sehen und händigt uns bereitwillig eine Karte der Region aus. Neben ihrem Monitor, welcher gerade irgendeinen Film von einer weltweit bekannten Videoplattform abspielt, steht natürlich die für Uruguay so typische Thermoskanne nebst Matebecher. Eine leichte Unterhaltung folgt, scheinbar die erste ernsthafte, arbeitsbedingte Tätigkeit für die nette Dame am heutigen Tage. Im Gegenzug freuen wir uns dort hygienisch saubere Toiletten vorzufinden. Deren Zustand nach zu urteilen bekommt dieser Ort scheinbar selten Touristen zu Gesicht.

Nach einer kurzen Pause machen wir uns wieder zu Fuß auf die Reise. Bis auf ein halbes Dutzend Fahrzeuge und einigen Gauchos mit ihren Pferden, welche allesamt nur innerhalb des Dorfes ihren Geschäften nachgehen, begegnen wir leider niemandem, der auch nur in die Nähe der Ruta 8 fahren möchte. So genießen wir die Aussicht und ermuntern uns an der Artenvielfalt an Vögeln, welche hier und dort aus dem strüppigen Gebüschen lugen. Zwischen dem Buschwerk stehen vereinzelte kleine, meist weiß angestrichene Häuser. Umringt von stets gemähtem Rasen und pikobello eingezäunt, tummeln sich auf den Grundstücken oft Hunde, Katzen, Hühner und einzelne Schweine. Von den eigentlichen Bewohnern der Wohnungen ist jedoch nichts zu sehen. Am Ortsende überquert die Ruta 13 letzten Endes den Arroyo de Aiguá, einen kleinen Fluß, bevor es nach rechts hinauf zur 39 geht. Die Grenze unseres Departamentos ist erreicht.

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