Moskaus wunderschöne Märchenwelt

05 April, 2010 — Platschi

Mit Streichhölzern in den Augen und gemäßigter Geschwindigkeit bewegen wir uns gen frühlingshaftes Berlin. Die Abenddämmerung tritt gerade ein, da fragen mich meine drei Chauffeure, ob ich nicht ihr Vehikel steuern möge. Man sei noch übermüdet vom Vorabend, Party in Amsterdam, und dann auch noch Frühschoppen auf den ersten Kilometern bis zur deutschen Grenze. So stellt man sich einen Wochenendtrip nach Berlin vor. Gerne übernehme ich also das Steuer, und alsbald bewegen wir uns wie Sternenstaub der weiten Galaxien entlang der Warschauer Allee.


Keine 24 Stunden später sitze ich in einem alten Volga, dem russischen Equivalent unseres Mercedes-Benz- zu jenen Zeiten als man diese Marke noch mit Technik in vollendeter Schönheit assoziierte. Draussen liegt der Schnee noch meterhoch, aber auch hier spürt man, dass der Frühling mit absurd langsamer Geschwindigkeit seinen langen Heimweg angetreten hat.

Zu lauschen bekommt man beim trampen nun nichtsdestrotrotz den neuesten Gossip der Großstadt, und die hat es in sich. Da gibt es zu lauschen die Geschichte einer kleinen Schenke, versteckt im Wirrwarr der Betonklötze, die allerortens aus dem Boden ragen. An einem Dienstag, vor nicht allzu langer Zeit, wurde diese kurz vor Dienstschluss, morgens um sechs Uhr, von drei doch recht beschwipsten Polizisten heimgesucht. Deren Durst war zu früher Stund noch immer nicht gesättigt – oder die Vermutung liegt nahe, dass es sich hier um einen ersten (weiteren) Frühstückstrunk handelte – dass man die Bedienung genötigt sah, ihnen doch noch ein Gläschen Wodka anzudrehen.

Die drei Damen, deren Vorbereitungen zum reinigen der Schenke schon im vollen Gange waren, wollten sich dem aber nicht annehmen. Beamten sollte man hier nichtsdestotrotz mit erhöhter Wachsamkeit gegenüber stellen. Nach mehrfachem auffordern der drei blauen Herrn zum Verlassen des Saales nahmen sich zwei diesem an – seinen Schnaps bekomme man schliesslich auch im Magazin um die Ecke.

Unterwegs in Russland

Der dritte Beamte schien keinerseits angetan hiervon und begann heftigst zu diskutieren. Wie könne man denn einem hart arbeitenden Mann zu solch unmenschlicher Zeit seinen wohlverdienten Umdrunk verwehren? Nichts half, und so dauerte es keine Viertelstunde, bis es der Bedienung am Tresen zu bunt wurde. Kurzerhand wurde der Störenfried Mithilfe eines Humpen zu Boden gestreckt. Dummerweise verträgt sich Glas im Anflug schnellster Geschwindigkeit beim Aufschlag auf einen menschlichen Korpus ziemlich ungeschickt und zerspringt derweil, so auch in diesem Falle, und da hatten die Damen ihren Salat, blutgetränkt liegend vor ihrer Theke. Die Damen sind seitdem natürlich nicht auffindbar. Kurz darauf lies uns unser netter Fahrer und Geschichtenerzähler aus an der Pforte unseres Bestimmungsortes.

Das Tramperleben ist hart, und so machten wir es uns schon nach guten 70 km hinter Moskau in einem kleinen Café gemütlich. Auf das kostengünstige Frühstück wartend, lauschen wir den Verkehrspolizisten, die sich sichtlich gelangweilt auf den nächsten Einsatz vorbereiteten. Vorher wurde es sich natürlich noch in der hinteren Ecke des Etablissements gemütlich gemacht und ordentlich geraucht. Währenddessen betraten zwei ältere Herren das Café und machten und setzten sich hinter uns. Deren Gespräch kann man wohl kaum in Form einer kleinen Geschichte niederlegen, nichtsdestotrotz stutzen wir doch ziemlich.

Da wird der in der Lederjacke von seinem Kollegen doch tatsächlich gefragt, ob er nicht zufällig einen Auftragskiller kenne. Er hätte ja schon Recherchen in seinem Viertel betrieben, und eventuell würde der ein oder andere Kerl in Frage kommen. Man sei sich nur noch nicht sicher ob dieser auch für den Job in Frage kommen würde. Vertrauensache ist da sicherlich ein Schlüsselbegriff. Kein Problem, so sein gegenüber. Der Lederjackenträger kenne da eventuell wen, und werde in naher Zukunft wieder mit seinen Kontakten kommunizieren. Meine Übersetzerin flüstert mir den letzten Satz der beiden zu, dreht sich benommen und schockiert zugleich weg und beginnt daran an ihrer Borschtsch-Suppe zu löffeln. Dann mal flott weg hier, denken wir uns insgeheim. Das Frühstück war dessen ungeachtet trotzdem recht lecker.

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