Kalmückien

07 February, 2015 — Platschi

Unausweichlich breitet sich die Dunkelheit um uns herum aus. Unser Fahrer, ein junger Dagestane, fährt seit einer gefühlten Ewigkeit auf diese Straße, die aus dem Nichts zu kamen schien und ins Nichts zu führen scheint. Er ist ein junger, schnauzbärtiger Mann, der gerade die Familie in der fernen Republik Dagestan besuchen fährt. Seit Moskau ist er ununterbrochen auf den Straßen unterwegs, endlose Stunden auf grauenhaften Wegen durch die nimmer enden wollende Eurasische Steppe. Einzig das Fiepen der russischen Popsongs aus seinem an das Autoradio angeschlossenem USB-Stick bieten einige - wenn auch weniger angenehme - Abwechslung. Aufgegabelt hat er uns irgendwo bei Tambov, fast 500 km bevor Volgograd.


Nachdem wir Volgograd (dem deutschen Leser wohl eher als Stalingrad bekannt) passierten, bogen wir irgendwann rechts ab auf die M6. Seitdem umgibt uns diese endlose Dunkelheit, während der Radkasten des Ladas unaufhörlich vom Sand und Geröll jeglicher Größe durchgerüttelt wird. In unregelmäßigen Abständen knallen kleinere und größere Gesteinsbrocken auf die Windschutzscheibe, sobald mal wieder ein Fahrzeug aus der Gegenrichtung angefahren kommt. Wir schlummern so dahin, genießen die nicht vorhandene Aussicht auf die weite Steppe und bemerken überhaupt nicht, dass wir zwar immer noch in der Russischen Föderation sind, aber das wirkliche Russland, wie es die meisten kennen, für einen Moment hinter uns gelassen haben um einzutreten in eine andere, neue Welt.

Am frühen Morgen erwachen wir auf dem harten Boden der Steppe nebst einer Tankstelle mit angrenzendem Restaurant. Einen Schwarztee mit Zitrone später beziehen wir Stellung entlang der Straße, ehe auch schon ein betagter Kalmücke neben uns steht und uns die Geschichte seines Volkes erzählt. Die Kalmücken - so sollte man wissen - sind das einzige buddhistische, mongolischsprachige Volk innerhalb der Grenzen Europas.

Als früheres Nomadenvolk lebend, wurden die Kalmücken wie auch andere Nomadenvölker der Steppen, wie bspw. die Kasachen, während der Sowjetzeit zur Seßhaftigkeit gezwungen. Jener Umschwung resultierte in Millionen Toten durch Hungersnot unter der Herrschaft Stalins, und so scheint es auch nicht verwunderlich, dass ein kleiner Teil der Kalmücken die deutsche Wehrmacht bei Ihrem Einmarsch in die Sowjetunion in den 1940er Jahren unterstützte. Unser Protagonist erzählt uns, dass sein Vater wie die meisten bitterarmen, ehemals nomadisch lebenden Kalmücken damals in die Rote Armee einbezogen wurden, meist mit nicht mehr als Heugabeln oder Schaufeln bewaffnet. Nicht verwunderlich seien da die Verluste, die jene Maschinerie bei der Belagerung Stalingrads erlitten hat.

Auch nach der siegreichen Belagerung Stalingrads und der Vernichtung Nazideutschlands ging es den Kalmücken nicht besser. Aufgrund einer kleinen Anzahl für Nazideutschland kämpfenden Kalmücken wurde das gesamte Volk als Kollaborateur gebrandmarkt, und so fand sich die gesamte kalmückische Minderheit kurz darauf in sibirischen Straflagern wieder. Deren ASSR wurde dabei vollständig aufgelöst. Ein Großteil kam schon während des Transportes in den Osten ums Leben. Auch jenen, die gemeinsam mit der deutschen Wehrmacht flüchteten, erging es nicht besser, denn dank Repatriierung wurden die geflüchteten Kalmücken zurück in die Sowjetunion geschickt, mit verheerenden, bekannten Folgen. Erst Anfang der 60er Jahre durften die Überlebenden zurück in Ihre Heimat.

Nach dieser Lektion in der traurigen Geschichte der Region und gemeinsamen Friedensbekundungen unsere Völker - möge sich die Geschichte nicht wiederholen - machten wir uns mit einem anhaltenden Sattelschlepper gemütlich auf den Weg in die Hauptstadt Elista.

Und so sind wir schnell wieder umgeben von dieser trostlosen, leeren, unendlich weiten Steppe im Hochsommer, dessen Gras- und Krautlandschaft sich wie ein matter grün-gelber Teppich über das Land legt, über welches nur der stetig währende Wind sowie das Rattern und Poltern unseres LKW herrschen.

Tags: deutsch, osteuropa, russland