Geschichten in Uruguay

07 October, 2014 — Platschi

Unser kleiner Winterausflug begann mit einem Pickup. Unser erster Lift innerhalb der Rambla von Punta del Este war ein junger Mann auf dem Weg zur Arbeit. Tristan hinten auf der Ladefläche, meineiner vorne mit dem Fahrer. Unser vorläufiges Ziel: Bolivien.


Am Anfang... Deutschland 1:0 Frankreich

Trampen in Uruguay an sich funktioniert meist wunderbar, abgesehen vielleicht von der IB zwischen der Hauptstadt Montevideo und Atlantida. Bei letzterem Ort werden wir von unserem nächsten freundlichen Fahrer herausgeschmissen, einem Arzt. Natürlich braucht es nicht lange, bis ich die Matera in die Hand gedrückt bekomme und den Servador spielen darf. Mit ruhiger uruguayanischer Hintergrundmusik und dem Laut des stetigem Nachgießens des Wassers genoßen wir so die sich auflockernde, winterliche Landschaft Uruguays bei einer leckeren Runde Mate.

Schritt für Schritt - oder besser Lift für Lift - sind wir recht zügig in Canelones. Die Anfangs dichte Wolkendecke lockerte zunehmend auf, und in Canelones selbst durften wir bei herrlichstem Sonnenschein durch die Ortschaft schlendern. Canelones ist eine typische uruguayanische Kleinstadt (Hauptort des gleichnamigen Departamento), mit flachen, kleinen Häusern, welche sich idyllisch aneinanderschmiegen, engen Gehwegen und viel grün - selbst im Winter. Der Platz im Zentrum ist belebt mit Menschen, deren Treiben und Handeln von einer recht üppigen (für hiesige Verhältnisse) Statue der "Mutter des Heimatlandes" beaufsichtigt wird. Gute zwanzig Minuten später sind wir auch schon wieder unterwegs gen Santa Lucia, wo wir pünktlich zu Anpfiff in einem Restaurant entlang der Ruta 11 den WM-Sieg über Frankreich begießen dürfen. Nach Schlusspfiff zieht eine dicke, dunkle Wolkendecke auf, und wir machen uns auf und trampen flott gen San Jose de Mayo, ehe uns ein LKW die fast 300 km bis Salto mitnimmt. Wunderbar! Kurz vorher treffen wir noch einen lokalen Tramper, der uns verdutzt anschaut und fragt, ob wir gerade vom Mond kommen. Wer weiß...

Während der Fahrt im LKW verdunkelte sich der Himmel zusehends, und einige starke, kurze Regengüße begleiteten uns entlang des Weges. Während es um den Lastkraftwagen herum in Strömen gießt, beginnt unser Chauffeur uns seine bewegende Lebensgeschichte zu erzählen.

Von Blutdiamanten und der UN

Während der enormen Wirtschaftskrise von 2002, welche weite Teile Argentiniens und Uruguay in den Ruin getrieben hatte, zog es ihn zur Armee, seinerzeit dem einzigen einigermaßen sicheren Arbeitgeber. Als ziviler Flugzeugmechaniker genoße er eine kurze, gut bezahlte Ausbildung zur Reperatur von Herkules Transportflugzeugen in den Vereinigten Staaten, ehe seine Armee ihn in den Kongo versetzte, in dem u.a. uruguayische Friedenstruppen stationiert sind. Seine Stimmung verschlechterte sich zusehends, während er immer leiser und mit merklich langen Gedankenpausen weitererzählt.

Mord, Todschlag, Ausradierung halber Dörfer samt Frauen und Kleinkindern, Vergewaltigungen und andere grausame Verbrechen waren dort an der Tagesordnung, während die hilflosen UN-Truppen bloß zusehen konnten, so schildert er uns, dass sie Ihre eigene Haut retten. Er erzählt von dem Aberglauben der Rebellen, nach welchem diese dort die Herzen und Augen der gefallenen Feinde vor den Augen aller Anwesenden verspeisten. Laut Folklore soll dies dem Speisendem ein längeres Leben, eine bessere Ausdauer und ein stärkeres Augenlicht bescheren. Mit Tränen in den Augen erzählt er von einer französischen Kollegin, welche eines Abends nicht mehr auffindbar war und erst nach den elenden Stunden einer Massenvergewaltigung von UN-Soldaten gerettet werden konnte.

Ein harter Brocken Lebensgeschichte, den wir daraufhin auf unserer Fahrt durch das Interior zu hören bekommen. Vielleicht war es für Ihn eine Art Therapie, seine Geschichte an zwei wildfremde Tramper zu erzählen.

Auf dem Flughafen vor Ort, an dem er die Herkulesmaschinen gewartet hatte, so erzählt er, landeten auch regelmäßig Transportflugzeuge ohne jegliche Kennzeichnung. Startend irgendwo von einem westlichen Militärflughafen, so erläutert er uns, würden diese Maschinen ohne Ziel über den Atlantik hinausfliegen, ehe sie irgendwann von wem auch immer den Befehl bekamen, für wenige Minuten im Kongo auf dem UN Militärflughafen zu landen, eine bestimmte Ladung aufzunehmen und schnurstraks wieder zu verschwinden. Auf diese Weise wurden Tonnen von Diamanten illegal außer Landes geschafft, welche dort von eben jenen Rebellen, illegalen Händlern und anderen Handlangern beschafft wurden. Wohin diese gegangen wären, "na kann man sich ja wohl denken", so unser Fahrer. Wir wagen gar nicht erst zu fragen, welche Rolle die Friedenstruppen vor Ort dabei gespielt haben. Kopfschüttelnd und sichtlich bewegt versuchte er, die Fassung zu bewahren, ehe unser Gespräch in bedrücktem Schweigen endete.

Eine wichtige Lektion für das Leben sei dieser Fehler gewesen, bei der Armee anzuheuern, so versichert er uns etwas später. Ein völlig anderer Mensch sei er geworden. Er verstehe die Menschen [in Uruguay] absolut nicht, die ständig nur nörgeln über die angeblich so schlechten Bedingungen in ihrem Land. Wir sollten uns glücklich schätzen, in Frieden leben zu können und Nahrung auf dem Tisch zu haben. Mehr brauche es nicht, absolut nicht. Er zumindest habe seinen inneren Frieden dabei gefunden, die Tage ein und aus in seinem LKW die leeren Straßen des uruguayischen Hinterlandes zu befahren. Nichts weiteres brauche es für ihn, als die Ruhe und den Frieden der Landschaft genießen zu können. Mit diesen Worten beendet er unser Gespräch, und den Rest des Weges schweben die Gedanken von uns dreien irgendwo zwischen der verregneten Pampa Südamerikas und dem Grauen, welches weiter östlich hinter dem Atlantik seine Runden zieht.

Schlussendlich steigen wir in Salto bei den Thermen aus, auf Nimmerwiedersehen mit einem unglaublichen Charakter und einer Geschichte, dessen Weisheit, Reichweite und Tiefgang wir erst Tage später haben verarbeiten können.

Die Therme begrüßten uns besten Wetter spät abends um 10, es war unglaublich warm für mitten im Winter. Also machten wir uns nichts draus und haben unser Zelt halbherzig zwischen zwei Bäumen hinter einem gut beleuchteten Monument von Artigas (wem auch sonst) aufgehangen, welches am Straßenrand den Verkehr belächelte. Fehler! Mitten in der Nacht ging dann ein Gewitter los, dass die Welt (oder ich zumindest) so noch nicht erlebt hat. Mehr als umdrehen, den niederprasselnden Starkregen und die Gewitter ignorieren war nicht drin, bis Tristan mich irgendwann mit der panischen Meldung weckte, dass unsere Luftmatratzen bereits im Zelt schwimmen...

Viva el autostop!

Tags: deutsch, südamerika, uruguay