Entre Lluvias

08 March, 2015 — Platschi

Klitschnass finden wir uns unter einer geräumigen Bushaltestelle wieder. Der Morgen begann mit einer Sintflut im Nacken - mit dem zusammengeknüllten Zelt unter den Armen - entlang des Fussweges wie aufgescheuchte Rehe spurtend. So also beginnt der zweite Tag damit, dass wir hungrig und völlig durchnäßt das Zelt zum trocknen unter einer Haltestelle aufhängen und unser Gepäck durchwühlen, in der Hoffnung dass mindestens das eine oder andere Kleidungsstück trocken geblieben ist. Als Sporttramper mit russischer Ausbildung kommt mir da glücklicherweise die gelehrte Kunst des Rucksack optimierens zugute, da die verschiedensten Utensilien im Rucksack fein säuberlich und größtenteils trocken in Plastiktüten verpackt und sortiert sind. Bei meinem spanischen Kollegen sieht dass leider ein wenig anders aus...


Fortsetzung zu Geschichten in Uruguay

Irgendwann gegen 8 Uhr beginnt dann auch der erste morgendliche Verkehr, und es dauert nicht lange bis ein Kleintransporter der Post uns die wenigen Kilometer bis zum Ortseingang von Salto mitnimmt. Auf dem Weg sehen wir das gesamte Ausmaß des nächtlichen Regenguss; sämtliche Bäche sind übergetreten und überfluten Teile des Gehweges und der Straße. Kurz darauf stehen wir wieder im strömenden Regen; dennoch hält ein freundlicher Uruguayo und bringt uns die gut 20 km bis zur Grenze, obwohl er eigentlich gar nicht so weit fahren wollte. Trampen in Uruguay? Ein Kinderspiel.

Willkommen in Entre ~~Rios~~ Lluvias, Argentinien

Die Grenzformalitäten sind schnell erledigt, und es dauert nicht lange, da hält ein alter, auseinanderfallender Benz mit einer Hillybilly Familie darin, wie sie im Bilderbuche steht. Vater mit schmierigem Trainingsanzug und Fluppe im Mund, Frau mit Kleinkind auf dem Schoß daneben. Aus dem Autoradio rauscht nervige Cumbia-Musik. Wir verstehen kein Wort von dem argentinischem Kauderwelsch, dass uns entgegen kommt. Nach gut zwei Kilometern macht Vater - nennen wir ihn Juan - einen Schlenker nach links und fährt schnurstracks auf die sumpfigen Wiesen, die sich links und rechts der Fahrbahn zusammen mit einer kleinen Ansammlungen von tristen, kahlen Bäumen erstrecken. Ohne Verluste heizt Juan über die Wiesen, die vom vielen Regen der vergangenen Tage ordentlich unter Wasser stehen. Plötzlich sehen wir einen jungen Mann, meines Erachtens nach noch keine 18 und mit regenbogenfarbener Jamaica-Mütze auf dem Kopf, aus dem Busch steigen. Hinter ihm ein alter Fiat, daneben ein großes Ölfass auf dem durchnässten Boden liegend. Schnell stellt sich heraus, dass sich Juans Sohn in den Sümpfen des Grenzgebietes - warum auch immer - festgefahren hat. Kein Problem, Papa hilft. Ganze 5 Minuten dauert es, bis die Szenerie eingehüllt ist in pechschwarze Abgase. Stören tut es niemanden, denn schlussendlich wird der Wagen elegant von Papa aus dem Sumpf manövriert. Sohn fährt weiter, wir sitzen auf der muffigen Rückbank des Benz und freuen uns, dass es weiter geht.

Wie es das Schicksal dann aber will, fährt sich nun Juan mit seinem alten Benz beim wegfahren direkt selber fest. Mit zwei Trampern in quietschgelben Anzügen im Wagen ist das für ihn natürlich kein Problem, und wir helfen gerne, den guten Benz anzuschieben. Nach zwei oder drei Anfahrversuchen klappt dies auch Bestens, nur hat uns vorher natürlich niemand mitgeteilt, dass feuchte, matschige Erde beim ruckartigen Anfahren die Eigenschaft hat auch mal in alle Richtungen zu spritzen. Vollkommen zugesüfft setzen wir uns - von den Stiefeln bis zur Brust vollgespritzt mit klebriger, schwarzer Matschepampe - wieder in das Auto. Juan entschuldigt sich halbherzig, behauptet aber locker lässig dass es absolut kein Problem sei so einzusteigen, das Auto sei ja eh alt. Als wir dann wieder auf die Straße kommen, geht es noch einen gefühlten Kilometer weiter, bis Juan uns an der ersten Tankstelle hinausschmeißt.

Dort angekommen, verbringen wir nun zwei geschlagene Stunden, um unsere vollkommen durchnässten und süffigen Schuhe und Anzüge auf der nicht gerade einladenden Tankstellentoilette abzuwaschen. Hallelulja, Willkommen in Entre Rios...eh... Lluvias*!

Entre Rios ("Zwischen den Flüssen") ist eine argentinische Provinz, die als stark verregnet und feucht verschrien ist, was wohl an dem subtropischem Klima und den unzähligen Flüssen liegt, die dort durchziehen. Lluvia ist das spanische Wort für Regen.

Tags: deutsch, südamerika, argentinien, uruguay