El Salvador

08 July, 2017 — Platschi
  • Antigua (Guatemala) - San Salvador (163.600 km)
  • San Salvador - Suchitoto - Leon (Nicaragua) (164.164 km)

Ungefähr drei Kilometer vor der salvadorianischen Grenze erlebten wir zum ersten Mal ein Phänomen, welches sich in Zentralamerika als solches wie eine Seuche von Grenzübergang zu Grenzübergang dahinziehen sollte.

Am rechten Straßenrand passierten wir gerade einige zu Kiosken umfunktionierte Hütten, welche hier traditionell mit schwarzen, zuckerhaltigen Brausegetränken und gelben Chipstüten bestückt sind, als ich beobachte, wie ein Passant begierig auf unser Nummernschild glotzt und wild mit den Armen beginnt zu wedeln. Ich winke ihm zu beim vorbeifahren, und sehe im Rückspiegel wie besagte Person auf das übel dahingeraffte Motorrad einer weiteren Person spring und die beiden uns hinterherfahren. Na super. Wir befinden uns ca. drei Kilometer vor der Grenze.


Ein mulmiges Gefühl ergreift uns, und wir beschließen daraufhin kurz Rast an der letzten Tankstelle - praktischerweise am Ortseingang direkt vor der Grenze - halt zu machen, um zu sehen ob das Motorrad an uns vorbeifährt. Das tolle in ganz Lateinamerika ist, dass es Tankstellenwärter gibt, man also nie aus dem Auto steigt sondern der Herr von der Tankstelle einem das Auto auftankt. Selber Tanken strikt verboten! Er ruft mir das obligatorische todo zero! (Pumpe auf 0) zu, bevor er loslegt. Als ob man die Pumpe nicht auch anderweitig manipulieren könnte. Ich öffne trotzdem die Tür, um die Sauna zu lüften, in welches sich das Auto innerhalb von Sekunden verwandelt. Und wer steht da, plötzlich direkt vor meiner Tür? Der Herr vom Motorrad.

Ein junger Mann, braun gebrannt, Mitte 20, moderner Kurzhaarschnitt, eng anliegendes Muskelshirt, freundlichen Grinsen aufgelegt. Americano?, fragt er, und schwadroniert ohne auf meine Antwort zu warten los, dass er mal irgendwo in den Staaten gelebt hat. Toll für ihn. No, Mexico. Mira la placa! - "Nein, Mexiko, schau dir das Nummernschild an", sage ich ihm leicht genervt, und er wechselt von brüchigem Englisch zu einem rauschenden Fluß guatemaltekischem Spanisch. Ich bräuchte sicherlich Hilfe an der Grenze, komplizierter Papierkram, Bestechung etc. Würde er alles völlig umsonst machen (für ein kleines Trinkgeld), ich würde sonst den ganzen Tag dort verbringen. Ich lehne dankend ab, aber er weicht nicht von der Seite. Ich wiederhole mein No, amigo, gracias und gehe mit Maria und unserem Sohn in das naheliegende Café, um mir eine ordentliche Portion Kaffee reinzuknallen, damit wir für den bevorstehenden Grenzübergang gewappnet sind. Der junge Mann lungert noch einige Minuten vor unserem Auto rum, ehe er sich mit seinem Motorradkollegen wieder verzieht.

Der guatemaltekische Grenzübergang erweist sich als recht flott. Das Auto muss in der brütenden Hitze abgestellt werden, Stempel sind schnell im Pass. Nun gilt es, Fotokopien der Stempel zu besorgen, welche der Zoll braucht, damit ich aus Guatemala ausreisen darf. Hinter einigen unangenehm riechenden Hütten finde ich besagten Kopierer, und es läuft. Abgesehen von einigen penetranten Geldwechslern und einem doch sehr süffigen Ort ist der Grenzübergang hier ganz entspannt. Weiter geht es über eine alte, klapprige Brücke nach El Salvador.

El Salvador

Wilkommen in El Salvador

Eine kurze Recherche im Internet sollte genügen, um etwaige Reisepläne dorthin ad acta zu legen. "Gefährlichstes Land der Welt", titelt der Spiegel. "Reisewarnungen" zuhauf spricht das Auswärtige Amt aus. Bei Problemen ist keine Hilfe zu erwarten. "Überfälle und Mord an der Tagesordnung". Und so weiter. Mir wird daher recht mulmig, als wir diese Brücke überqueren, nur leider gibt es keinen Weg daran vorbei. Die Alternative wäre gewesen, Honduras in kompletter West-Ost Ausdehnung zu durchqueren, welches El Salvador im "Kampf" um den vom Spiegel ausgesprochenen Titel in nichts nachsteht.

Umso überraschter sind wir, dass der Grenzübergang sauber und organisiert ist. Zu Beginn begrüßt uns ein älterer, freundlicher Herr mit Schnauzbart, fein gebügeltem weissem Hemd, blauer Hose und Ausweis, welcher ihn als offiziellen Helfer ausweist. Und trotz meiner enormen Bedenken und ablehnenden Grundhaltung stellt sich heraus, dass dieser Herr tatsächlich zu einem offiziellem Team gehört, dass Reisende freundlich, hilfsbereit und kostenfrei durch die Formalien führen soll. Der Papierkram dauert gute zwei Stunden, da der Beamte die Daten der Fahrzeugscheine von mir und einigen salvadorianischen Truckern - den einzigen anderen Anwesenden - mit einem Tastenanschlag pro Minute in seinen Computer tippt, und sich aber trotzdem noch mehrfach vertippt. Un apellido dificil [Schwieriger Nachname]. -Joh... Immerhin gibt es leckere Wassermelonen und Mango in Plastikbehältern für ein paar Cent - US Dollar-Cent, wohlgemerkt. Der US Dollar ist in El Salvador Landeswährung.

In El Salvador angekommen, verschlechtern sich die Straßenverhältnisse zusehends. Schlaglöcher sind an der Tagesordnung für die ersten 80 km, bis wir es zu einer gut ausgebauten Autobahn schaffen, die direkt in das Herz des Landes hineinführt: San Salvador. Unterwegs sehen wir ein bitterarmes Land, dass dahinsiecht unter der tropischen Hitze Zentralamerikas. Viele Menschen stehen am Straßenrand und versuchen hier und dort eine handvoll Orangen, Bananen, komische Fleischstückchen und andere Nahrungsmittel an die vorbeifahrende Kundschaft zu verkaufen. Magere Kühe und Maultiere erblickt man hier und dort.

El Salvador

In San Salvador selbst haben wir 7 Tage verbracht, da wir ein wenig Arbeiten mussten. In einem eher wohlhabenderen Viertel lebend, fühlte es sich dennoch so an, als ob man in einem Gefängnis lebt. Besser nicht in die falsche Nebenstraße abbiegen, achte auf Graffities, und so weiter. Überall Stacheldraht. Männer mit Shotguns oder Maschinengewehren an jeder Straßenecke, vor jeder Schule, vor der Bäckerei. Restaurants haben manchmal drei oder vier Wachleute. Es bedrückt einen extremst, doch für die Einheimischen gehört es zur Normalität.

Unser Dodge war für drei Tage in der Werkstatt des Vertrauens unseres Gastgebers, da meine Bremsbeläge in Guatemala völlig abgebrannt waren. Die Jungs waren aber mit dem Herzen bei der Sache (klar, Kunde Gringo, wandelnde Geldbörse!) und mir wurden auch Lifts vom Chef zurück zur Wohnung gegeben, welcher mir von der Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel dringends abgeraten hatte.

Die Menschen, denen wir in El Salvador begegnen, sind extrem freundlich und hilfsbereit. Das salvadorianische Spanisch ist entzückend und hat einige sehr interessante Wortschöpfungen. El Salvador ist ein Land welches extrem leidet unter dem Joch der terrorisierenden Banden. Verdient hat es seinen schlechten Ruf allemal nicht. Die Landschaften, durch welche wir fahren, sind wunderschön, obwohl wir uns in der Trockenzeit befinden und viele Gegenden stark ausgetrocknet sind. Einige Dörfer auf dem Weg sind relativ sauber gehalten.

Ein absolutes Highlight für mich waren jedoch die Pupusas. Pupusas sind quasi Tortillas aus Maismehl mit eingebackener Füllung (siehe Foto oben). Pupusas werden zu jeder Tageszeit gegessen. Das salvadorianische Nationalgericht wird an jeder zweiten Straßenecke an kleinen oder größeren Ständen verkauft. Gefüllt mit üppig viel Käse oder Bohnen, mit Fleisch oder anderen mir unbekannten Sachen (probiert mit loroco oder ayote!) sind diese Pupusas ein Genuß der Extraklasse. Ich konnte gar nicht genug davon essen. Als Beilage gab es meistens einen Krautsalat. Gegessen wird natürlich mit der Hand, indem man kleine Stücke abreißt und entweder in den Salat oder irgendwelchen Chilisaucen tunkt. Unglaublich lecker.

El Salvador

Zwischendurch haben wir noch Suchitoto einen Besuch abgestattet. Ein für el salvadorianische Verhältnisse "touristischer" Ort mit Kopfsteinpflaster, sauberen Straßen und einem tollen Blick auf den Suchitlán Stausee. Danach ging es für uns weiter entlang der Panamericana quer durch das Land in östlicher Richtung zur Grenze nach Honduras, eine Route über die Berge und kleine Dörfer und Orte, welche wir in wenigen Stunden bewältigt hatten.

Fazit: El Salvador ist kein Land für Pauschaltouristen oder Leute, die es bequem und einfach mögen. Wer jedoch eine Leidenschaft für Vulkane und die Menschen Lateinamerikas, sowie die Nase voll hat von von Touristen überfüllten Gegenden (siehe Guatemala), für den ist El Salvador (noch) ein absoluter Geheimtipp.

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