Der Pass der Stiere

04 May, 2013 — Platschi

In der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist häufig von einer Flucht des gemeinen Mobs, offiziell Bevölkerung genannt, vom platten Land in die Städte die Rede. Laut irgendwelcher Statistiken, gegeben dem Fall dass man diesen vertraut, wuchsen in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Städte dieses Planeten über ihre Maße hinaus zu Metropolen, während deren Hinterland meist menschenverlassen zurückbleibt.


Uruguay macht da keine Ausnahme. Die Einwohnerzahlen dieser Republik schwanken irgendwo um die 3,5 Millionen, wobei gut 1,9 Millionen davon im Ballungsraum rund um Montevideo, der Hauptstadt, leben. Die übrigen Seelen verteilen sich größtenteils entlang der Küste des Atlantik und den Ufern des Rio de la Plata. Alles, was dahinter liegt, wird irgendwie nur vage mit dem Begriff el interior angedeutet. Im Volksmund stellt man daher wegen auch gerne fest, dass Uruguay im Prinzip nur der Hinterhof Montevideos sei. Bei einer Bevölkerungsdichte von gerade einmal 20 Einwohnern pro km² (im Vergleich: Deutschland liegt bei 230 E./km²) bietet sich das Hinterland Montevideos geradezu an für erholsame, ruhige Touren. Also, genug der Zahlenspielerei, und hinaus in die Einsamkeit der uruguayischen Pampa.

An diesem sonnigen Morgen mache ich mich bei Zeiten auf. Das Ziel ist unbekannt, lediglich eine kleine Übersichtskarte des Landes deutet mir vage die Möglichkeiten an. Auf dem Weg zur passenden Trampstelle stehe ich in einem alten, überfüllten Bus, dessen Abgasanlage glücklicherweise durch einen zwischenzeitig einsteigenden Trobador übertönt wird. Mit gut gestimmter Gitarre und einer kräftigen Stimme bekommen die Fahrgäste - ob gewollt oder nicht - eine musikalische Einlage vom Feinsten zu hören. Der junge Mann singt wahrscheinlich von der Pampa, den endlosen Weiten des Kontinents und dessen Schönheit, oder zumindest bilde ich mir das ein. Mein Spanisch ist bei weitem noch nicht ausreichend, um seiner Geschichte zu folgen. Mit bester Laune springe ich aus dem Bus und befinde mich, wie einige Tage vorher, an der Ruta 1. Es dauert nur wenige Minuten, bis ein freundlicher Lastkraftwagenfahrer hält. Der gute Mann scheint ein wenig verwirrt darüber zu sein, dass ich kein Ziel vor Augen habe, und biegt kurz darauf ab auf die Ruta 5 in nördliche Richtung. Es geht nur bis La Paz, einem Vorort von Montevideo. Dort werde ich von 2 jungen Herren in einem alten LKW aufgegabelt. Wo ich denn hin möchte, ob ich denn auf dem Weg zum Río Negro sei, werde ich gefragt. Meine Karte verrät mir, dass die Ruta 5 ungefähr in der Mitte des Landes auf einen Fluß trifft, welcher sich in Östlicher Richtung aufzublähen scheint zu einem größeren See. Klar, klingt doch spitze, ein schwarzer Fluss, da fahr ich hin! Es geht bis Canelones, wo ich zum ersten mal ein wenig länger warte, dafür aber mit einem Lift auf der Ladefläche eines kleinen Pickups bis Florida belohnt werde.

Die Landschaft verändert sich schnell vom gewohnt süffigen, städtischen Bild eines Ballungszentrum in eine flache, ausgedehnte Pampa. Hinter Canelones überrascht uns ein wunderschöner See, umgeben von kleinen Hügeln und einem Wald aus Pinien und Eukalyptus, welcher zum verweilen und entspannen einlädt. Das darauf folgende Landschaftsbild setzt sich aus einer endlosen, eintönigen Grassteppe zusammen. Hier und da grasen Kühe und Pferde, der Verkehr lässt zusehends nach, und die Sonne beginnt merklich stärker auf meinen Kopf zu knallen.

In Florida spricht mich dann ein Lastkraftwagenfahrer an, der gerade neben der Straße Holz verlädt. Er fährt bis Tacuarembó, und lässt mich wissen dass die Stadt am Río Negro Paso de los Toros heißt und er mich dort herausschmeißen wird. Die Landschaft zieht und zieht sich immer mehr, und wir passieren gerade einmal eine Kleinstadt und eine Ansammlung von Häusern, ehe wir uns 250 km nördlich von Montevideo am Río Negro wiederfinden. Die Siedlungen ähneln Bildern aus dem Wilden Westen, welche uns einschlägige Filmstudios in das globale Gedächtnis gebrannt haben.

Kurz nach einer plötzlich auftauchenden Mautstelle, welche auf einer leichten Anhöhe vor der Stadt thront, erblicken wir ein kleines Dorf und einen unbekümmerten Fluss. Der Río Negro schlängelt sich an dieser Stelle nonchalant wie eine Schlange durch die Landschaft. Der Anblick ist atemberaubend und erfreut mein kleines Tramperherz. Es geht über eine Brücke auf die andere Seite, ehe ich mich von meinem Fahrer verabschiede. Eine frisch geteerte Straße ohne jeglichen Verkehr, abgesehen von meinem gerade abfahrenden Lift, liegt vor mir. Zu meiner Linken starrt mich ein übergrößer schwarzer Stier, fest gegossen auf einem steinernen Sockel, an. Das Wahrzeichen dieses Örtchens, welches übersetzt soviel wie Pass der Stiere heißt. Es riecht, wie üblich, nach Eukalyptus, und überall zwitschern die verschiedensten Vögel ihre Lieder. Neben der Straße geht es hinab zum Fluss. Das Ufer ist umgeben von einem feinen Rasen und hohen Bäumen, zwischen denen einige Uruguayos bereits ihre Zelte aufgeschlagen haben. Es gibt ein kleines Café, in dem an diesem Abend natürlich das Spiel der Nationalmannschaft gegen Chile gezeigt wird. Ein übergroßer Grill, die Parrilla, darf da natürlich auch nicht fehlen. Sowieso stehen in einigem Abstand verteilt überall auf diesem Terrain kleine Steingewölbe mit entsprechender Grillgerätschaft bereit zur Nutzung.

Es dauert nicht lange, und ich liege entspannt am Ufer des Río Negro, lausche dem wohlwollenden Klang des Flusses und genieße die Sicht auf die andere Seite, an der sich kleine Wäldchen mit Grashügeln abwechseln. Es scheint, als ob die Zeit an diesem Ort stehen geblieben ist, als ob alle weltlichen Probleme so fern sind wie die Sterne des Antares. Ein wenig entfernt äsen gemütlich diverse Kühe, und überall sausen und zwitschern die verschiedensten, mir unbekannten Vögel umher. Zu allem Überfluss zeigt sich am frühen Abend der Mond in voller Größe beeindruckend am Horizont, und ehe die Mücken ihre Jagd beginnen, entschließe ich mich, im Café Platz zu nehmen. Es dauert nicht lange, und bei Anstoß ist der Platz gefüllt mit hungrigen Uruguayos, die mit Bier und reichlich Asado bei der Niederlage ihrer Mannschaft zusehen müssen. Alles, was jetzt noch fehlt, sind einige Stiere, die gemächlich den Fluss überqueren.

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