Ao San Andrés de Teixido vai de morto, o que no foi de vivo

01 September, 2010 — Platschi

"Wer nicht als Lebender nach San Andrés pilgert, muss es als Toter tun" ...


Seit unserem ersten innerspanischen Reisetag verfolgt uns dieser Name. Irgendwo hinter Barcelona gabeln uns drei Madrilenen auf, die gerade die sterblichen Überreste ausgegrabener Spanier umherkutschieren, Opfer der Diktatur Francos. Unser Gastgeber auf der Rücksitz des Fahrzeuges hat es sich da natürlich nicht nehmen lassen, uns seine gesamte Sammlung an Foto's der vergangenen Wochen - die Ausgrabungen eben jener Opfer - zu präsentieren. Wir hatten ja Zeit auf der über 200 km langen gemeinsamen Reise bis Zaragoza. Wovon Xulio aber noch weitaus mehr schwärmte, war sein heissgeliebtes Galizien. "Das Irland Spaniens", "Spanien's Kronjuwel im Nordwesten" und ähnliche Lobhymnen hatte er für seine Heimat über. Aber ein Ort, der sei ganz besondern. Irgendwie...magisch. Nicht mit Worten zu beschreiben, einfach traumhaft schön. Und, wie er uns verrät, "irgendwann reist jeder dort hin, wenn nicht lebendig, dann als Toter". Grund genug, seinen Daumen im schwierigen Tramperland Spanien zu schwingen in Richtung der nordwestlichsten, entlegendsten Ecke: San Andrés de Teixido. Der Name des Ortes und ein übergroßes X irgendwo nördlich von A Coruna auf unserer Karte sollten reichen als Wegweiser.

San Andres

Nach Tagen in Pamplona, Santander und Asturien haben wir irgendwann Galizien erreicht. Es ist tatsächlich extrem grün hier, eine Wohltat nach der kargen Wüstenlandschaft bei Zaragoza. Die Reise nach San Andrés de Teixido gestaltet sich als schwierig. Je näher wir diesem Ort kommen, desto größer wird die Gastfreundschaft der Spanier. Nie wollen wir weiter, am liebsten überall für Wochen verweilen. In Asturias schon beherbergt uns Pepe tagelang in seiner Villa, traumhafte kleine Dörfer begegnen uns. Das Trampen wird von Kilometer zu Kilometer einfacher. Zwischen Galizien und Asturien lädt uns ein Rentner zum Tintenfisch ein, wovor jedoch mehrere örtliche Kneipen abgefahren, um überall den - geht so - köstlichen Cidre zu vernaschen. Hinter jeder Kurve, jedem Hügel verbergen sich hier wunderschöne Aussichten, kleine Fischerdörfer versteckt im nirgendwo, und wir lassen uns leiten und gleiten dahin mit einem gut über 60-jährigen in seinem in die Jahre gekommenen Mercedes. Der Strohhut auf der Rückbank hatte es mir besonders angetan. Auch er schwärmt von San Andrés, dem Ort, an dem die Toten mit den Lebendigen zusammenstoßen.

Gegen Abend verabschieden wir uns wehmütig und leicht beschwipst von ihm, um wenig später mit einem französischen Ehepaar gen Cedeira zu düsen. Wir befinden uns jetzt im Nordwestlichsten Zipfel Spaniens, und urplötzlich, aus dem nichts taucht dieses kleine Schild mit der Aufschrift "San Andres" an einer Seitenstraße in Cedeira auf. Ein kleiner Fußmarsch aus dem Dorf hinaus, und da stehen wir im Galizischen Nirgendwo. Rein gar nichts bewegt sich hier, die Dämmerung setzt schon ein. Doch uns stört das herzlichst wenig. Die Stimmung Galiziens, die Begegnungen auf dem Wege: Wir befinden uns in einem Traum, der schier nicht enden mag. Bewegungsfaul sind wir trotzdem, und nach vielleicht zwanzig Minuten kommt aus entgegengesetzter Richtung ein junger Typ mit seinem aufgepeppten Golf daher. Wo wir hinwollten; "achso, San Andrés". Er bringe uns dort wohl hin, sonst würden wir hier ja noch Jahre warten. So gibt er uns einen zwölf Kilometer langen Lift, der es in sich hat. Berge, Natur, Einsamkeit, ja sogar Pferde und Kühe kommen uns freizügig und ohne Zwang auf der Straße entgegen. Unser Chauffeur scheint sich zuvor einen geraucht zu haben, ist superglücklich und entschuldigt sich noch, dass er uns keine geeignete Stelle zum zelten ausweisen kann.

Macht nichts, wir finden auch so etwas. Und im frühen Morgengrauen - ja sogar ein wenig Regen gab es - machten wir uns auf ins Dorf. Oder eher der Ansammlung von vielleicht einem Dutzend Häusern. Die Atmosphäre ist berauschend, kaum einer Menschenseele begegnen wir, die Touristen kommen erst viel später am Mittag. Ein Mann streicht gerade das Tor zur Kapelle, abgesehen davon ist es Mucksmäuschenstill. Zwei Hunde begleiten uns, einer, so erzählte uns am Vorabend ein Dorfbewohner, sei vor kurzem von Touristen hier ausgesetzt worden. Wir wandern den Hang hinab, schauen auf den sich wahnsinnig vor uns aufbäumenden Atlantik. Im Nacken San Andrés de Teixido. Wir sind sprachlos. Beschreibungen dieser traumhaften Idylle sind wertlos und würdem dem nicht gerecht werden. Es ist, als hätte der gesamte Weg uns nur hierher führen wollen, als hätte diese Reise nur eine einzige Bestimmung gehabt. Denn, wie uns Xulio schon zu Beginn zuflüsterte: "Wer einmal dort war, möchte jederzeit wieder zurück. Wenn nicht mehr als Lebender, dann mit den Toten."

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