Aller Anfang ist schwer...

28 August, 2009 — Platschi

Unser glorreicher Plan, die Nacht durchzumachen und am Morgen um 6 Uhr gen Autobahn aufzubrechen, scheiterte natürlich grandios. Zu Danken ist dies nicht zuletzt Veras leckerem Weinmix - heißer Rotwein mit Tee und Apfel.

Wie dem auch sei, um 10 Uhr weckte mich Kamiel - Niederländer ebenso auf dem Weg nach Moskau - enthusiastisch mit dem Gedanken, nun doch per Anhalter aufzubrechen. Innerlich hatte ich mich eigentlich schon auf Montag morgen eingestellt, aber wer weiß, wie weit wir heute dann nicht gekommen wären. Und schließlich hatte ich ihn ja überredet, statt mit der öden Bahn per Anhalter zu reisen. Entsprechender Müdigkeit ist es auch zu verdanken, dass wir statt fünf Minuten 30 auf den Trolleybus gewartet haben, da wir es nicht verstanden in den ersten einzusteigen, und alle ankommenden Minibusse schon so überfüllt waren, dass wir mit unseren Rucksäcken sicher nur für Unmut gesorgt hätten. Natürlich gibt es in Novosibirsk auch mehr als einen "Wagsal" - Bahnhof - und so fuhren wir erst quer mit der Metro durch die Stadt zum falschen, ehe wir dann gut eine Stunde später den richtigen Minibus am richtigen Bahnhof erwischten, der uns raus aus der Stadt zur sagenumwobenen Trampstelle brachte.


Überglücklich gegen halb zwei mittags standen wir nun dort, am Beginn der Autobahn gen Omsk. Zu allem Überfluss stand dort schon ein LKW, dessen Fahrer jedoch erst am Abend starten wollte. Hinter diesem bezogen wir Position und schwenkten unsere rechten Daumen im Winde. Nach einer Viertelstunde gesellte sich eine lokale junge Dame zu uns, welche scheinbar noch nie etwas von der Tramperetikette gehört hatte. 20 Meter vor uns schwenkte sie ihre Hand auf und ab, und natürlich war genannte Dame nach zwei Minuten verschwunden. Kamiel war hiervon so inspiriert, dass er sich sein Kopftuch umband, mit zwei alten Bierplastikflaschen sich etwas Holz vor die Hütten verschaffte um so unserem Glück etwas auf die Sprünge zu helfen. Mehr als einige schöne Mittelfinger hat uns dies aber nicht eingebracht, so brachen wir diese Aktion nach wenigen Minuten wieder ab. Frauen mit Vollbart sind scheinbar doch nicht so gefragt.

Nichtsdestotrotz, irgendwann hielt Alexander, ein junger Russe, der uns für 30 Kilometer ins nächste Dorf mitnahm. Unterwegs zeigte er uns stolz einen Euro, den er von seiner Schwester hatte, die wohl in Frankreich lebt. In Kochenevo verabschiedeten wir uns auch wieder, liefen den Hügel hoch zurück zur Tankstelle und begannen von Neuem. Einige Straßenarbeiter haben uns dabei irgendwelche unverständlichen Dinge entgegengerufen, wobei vor allem der Typ auf der Teermaschine extremst erbost darüber war, dass wir für ihn keine Kippen dabei hatten. Das Wetter spielte nun auch nicht mehr mit, und strahlender Sonnenschein wechselte sich schnell mit starken Graupelschauern ab.

Wir warteten hier bestimmt zwei Stunden, aber was sind schon zwei Stunden im Leben eines Menschen. Wir hatten zwischendurch genug Unterhaltung durch einen entlaufenen Gaul, der teilweise den gesamten Verkehr lahmlegte und sich bei seinem Stuhlgang auch nicht vom dröhnenden Horn der Trucks stören lies. Irgendwie schien auch niemand der Einwohner sich hierfür zuständig zu fühlen. Gegen halb 5 hielt dann plötzlich der Truck, der uns zuvor beim Trampen aus Novosibirsk im Wege stand. Jan, ruhiger, besonnener Fahrer, fuhr die 1400 km hoch bis Tyomen! Wunderbar! Scheinbar schien es ihn auch nicht zu stören bis Nachts um 2 ohne eine einzige Pause durchzufahren, und so verabschiedeten wir uns an einem TIR-Parkplatz hinter Omsk.

Nachts geht in Sibirien nicht gerade viel, und so machten wir es uns im 24-Stunden-Cafe gemütlich. Nach einigen Minuten gesellte sich Viktor zu uns, ein russischer Tramper auf dem Weg ins Altai Gebirge zu seinen Eltern. Er ist Musiker, der quer durchs Land reist, nebenbei aber auch stolzer Besitzer eines Nissan Sportwagens zu sein schien. Prompt lud er uns auf seine geplante Europatour im Dezember ein. Und das ohne das wir gegenseitig in irgendeiner Sprache gescheit kommunizieren konnten. Beachtlich war, dass er nicht einen Rubel dabei hatte, da er wohl irgendwo bei Moskau in einem Cafe eingepennt ist und man ihm die gesamte Detleftasche samt Geld und Ausweisen gestohlen hatte. Aber irgendwie kommt man ja immer rum...

Tags: deutsch, osteuropa, russland